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Ausgelöst durch die Schlagzeilen mit Betül Ulusoy musste ich diese Zeilen verfassen, weil das Kopftuch für mich ein nerviges, aber dennoch sehr emotionales Thema ist. Ein Stück Stoff kann mehr Emotionen auslösen, als ein schickes Paar Manolo Blanhniks. Bei mir jedenfalls.Und es spielt keine Rolle aus welchem Stoff, welcher Farbe oder Größe es ist. Die Gefühle sind die gleichen.

An einem Samstag fuhr ich nach Dortmund und holte mir einige Tücher in verschiedenen Farben. Zwischendurch legte ich einen Stopp ein und aß einen Döner. Diese Kraft würde ich brauchen.

Angekommen zu Hause erholte ich mich erst ein wenig…

Da stand ich nun vor dem Spiegel, mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag und probierte zig verschieden Versionen des Hijabs aus. Ich schaute mir mehrere Hijab-Tutorials an, bis meine Augen vor Müdigkeit zufielen. Jede Kreation musste ich ausprobieren und die perfekteste finden, denn vor mir Stand der erste Arbeitstag MIT Kopftuch. Ich hatte mich dazu entschlossen. Und wenn ich das nicht durchgezogen hätte, wäre ich todunglücklich, denn dann wäre ich nicht ich. Ich wäre ein unterdrücktes Ich. Das Schlimmste war, da ich noch eine Anfängerin war, saß nicht jeder Griff perfekt und unzählige Versionen konnte ich in die Tonne kloppen. Wut und Frust staute sich in mir auf. Wie sollte ich es schaffen? Wie sollte ich mit so vielen Emotionen klarkommen, vor Menschen auftreten, wenn eine Stofffalte nicht so wie ich es wollte, saß?

Und DAS, wegen einem Stück Stoff…

Zum Schluss fand ich natürlich Meins. Doch die Angst war da. „Wie reagiert man auf mich? Wie werde ich mich fühlen? Werde ich die Ruhe bewahren können? Werde ich mich mit dummen Fragen herumschlagen müssen? Werde ich das durchziehen können oder mache ich einen Rückzieher? Werde ich in Angst versinken? Wie wird es ausgehen?“ fragte ich mich.

Und DAS, wegen einem Stück Stoff…

Die Nacht verlief so gut wie ohne Schlaf. Mitten in der Nacht stand ich auf, um ein Bittgebet zu sprechen, damit Gott mir Kraft gibt und die erste Zeit ohne große Probleme durchläuft. Die Angst war trotzdem da, aber daneben noch eine große Kraft, die mich stützte.

Kurz vor sieben stand ich auf und machte mich fertig, inklusive meiner Version des Stücks Stoff. Nur zaghaft bewegte ich mich in Richtung Auto, denn ich wusste was auf mich wartete. Die verwirrten Reaktionen, dumme Bemerkungen etc.

Und DAS, wegen einem Stück Stoff…

Ich stieg ins Auto und sagte „Bismillah“. Langsam drehte ich den Autoschlüssel im Zündloch und der Motor heulte auf. Die Kilometer zogen sich hin wie Kaugummi und die Fahrt über sprach ich Bittgebete, während im Hintergrund aus den Lautsprechern die Quran-Rezitation dröhnte. Meine Handflächen schwitzten vor Aufregung. Nach einer Weile kam ich an. Auf dem Firmenparkplatz. „Okay, jetzt geht’s los! Bleib ruhig. Es ist NUR ein Stück Stoff.“ flüsterte ich mir selbst zu.

Ich stieg aus dem Auto aus. Meine Schritte waren erst zaghaft und wurden mit jedem Schritt entschlossener und überzeugter. „Ja, es ist NUR ein Stück Stoff.“ sagte ich mir.

Ich passierte den Drehkreuz und ging rein ins Verwaltungsgebäude. Da stolzierte ich den Korridor entlang, der kilometerlang zu sein schien. Alles guckte und schaute. Die Blicke sagten „Hä?“, „Was?“, „Wie?“, „Gezwungen?“

Angekommen in meinem Büro musste ich erst mal tief Luft holen und mich setzen. Erste Hürde überstanden. Wow! Im Laufe des Tages habe ich eine Menge schockierte Gesichter, unzählige Fragen und einfach nur stummes, kommentarloses, abwertendes Schweigen über mich ergehen lassen. Kommentare wie „Was hast du denn da?“, „Du siehst aus wie die?“ mit völlig entsetzter Miene. „Wie wer?“ fragte ich. „Wie die Türken!“ Daraufhin folge natürlich zwischen dem Kommentator und mir eine heiße Diskussion.

Einige blieben wie versteinert in der Türspalte stehen. Dann aber auch wiederum einige positive Bemerkungen, wie „Cool!“, „Hey!“, „Yo.“

Und das alles wegen einem Stück Stoff…

Das war nur ein Tag in diesem Prozess, wie ich es nenne. Es folgten noch unzählige andere Tage, die ich mit Überwindung überstehen musste und es auch wollte, da das Kopftuch für mich ein Puzzleteil meiner Persönlichkeit ist. Und was wären wir Menschen, wenn uns die Entfaltung unserer Persönlichkeit nicht gewährleistet wird? Würde es uns nicht unglücklich machen? Jeder Mensch hat etwas, was ihm am Herzen liegt. Deshalb sind wir auch so verschieden, weil jeder sich für etwas anderes interessiert und es ist auch okay so und normal. Warum ist es so schwer einen Menschen einfach so sein zu lassen, wie er ist und ihn einfach so leben lassen? Es hat sich an meiner Persönlichkeit nichts verändert. Im Gegenteil: es hat sich etwas entwickelt, nämlich Ich. Wie meine Schwester Ihre Schuhe liebt, sei es von Guess, Esprit, Buffalo, s. Oliver, Tamaris, Gucci und Co. So ist es bei mir mit dem Kopftuch, das ebenfalls von der gleichen Marke stammen kann.

Dieser Artikel erschien auch bei tatjana-rogalski.de und hijabisch.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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