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Wenn man ausgerechnet von der „Bild“-Zeitung dazu gebracht wird, „auf eigenen Wunsch“ diese zu verlassen, weil man selbst ihr zu hetzerisch und zu niederträchtig geworden ist, sollte das eigentlich ein Anlass sein, die Alarmglocken schrillen zu lassen. Es ist nichts weniger als ein ganz persönlicher Super-GAU, als würde man wegen fehlender Hygiene aus dem miesesten Imbiss der Stadt oder wegen zu perverser Sonderwünsche aus dem heruntergekommensten Bordell des Bundeslandes geworfen werden.

Wer jedoch gedacht hätte, Nicolaus Fest – im Juli des Vorjahres nach einem unsäglichen Hasskommentar gegen Muslime als stellvertretender Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ geschasst – würde sich diese Blamage zu Herzen nehmen und in sich gehen, sieht sich getäuscht.

Im Gegenteil: In der in ihren Anfangsjahren als innovatives konservatives Format gestarteten, mittlerweile aber zu einem Museum ewiggestriger Kaiserreichsnostalgie mit hyperkonformistischen linksnationalistischen Einsprengseln degenerierten „Jungen Freiheit“ legt er in seinem geistigen Amoklauf gegen Andersgläubige sogar noch eine Schippe drauf und erklärt im Wege einer Täter-Opfer-Umkehr nicht etwa den rassistischen Pöbel, der eine Minderheit zum Abschuss freigeben will, sondern „den Islam“ (wohlgemerkt: nicht etwa den „Islamismus“, „Salafismus“, „Djihadismus“ – er spricht tatsächlich vom Islam insgesamt) zum Feind unseres Gemeinwesens.

Fest zufolge bedrohe „der Islam“ Freiheitsrechte, Individualismus und Gleichberechtigung – und er könne „keine Aussicht erkennen, ihn zu demokratisieren“. Gleichzeitig jammert er, es gäbe einen „Konformitätszwang, der Gegenmeinungen als indiskutabel desavouiert“, womit er allerdings nicht etwa das Dominanzverhalten der Volksgemeinschaft gegen den Islam meint, der – wie man jüngst an den Reaktionen auf das Kopftuchurteil bemerken konnte – von Alice Schwarzer und Jürgen Elsässer über Heinz Buschkowsky und Julia Klöckner bis hin zu Udo Pastörs reicht. Wenn „das Fremde unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung bedroht“, dann sei „Fremdenfeindlichkeit eine Pflicht“.

Was an den Thesen Fests falsch ist

Die „Junge Freiheit“ wirft Kritikern vor, diese würden nicht sagen können, was daran falsch wäre. Vielleicht liegt es ja daran, dass viele nicht einmal wissen, wo sie anfangen sollen.

Fakt ist, dass der studierte Jurist(!) ganz offenbar nicht einmal in der Lage ist, die Verfassung der Bundesrepublik korrekt zu interpretieren oder auch nur deren Sinn zu verstehen. Denn offenkundig weiß er nicht einmal den Unterschied zwischen staatlichem Hoheitshandeln und privater Lebensgestaltung zu benennen – möglicherweise einer der Gründe dafür, dass er später lieber „Bild“-Journalist geworden ist.

Denn die Verfassung hat nicht etwa den Zweck, irgendeine zum ausschließlichen Zweck der Ausgrenzung erfundene, real längst im Sumpf der „Moderne“ versunkene „christliche Abendlandkultur“ gegen missliebige religiöse Überzeugungen von Minderheiten und damit Eliten oder vermeintliche Mehrheiten gegen Minderheiten, sondern umgekehrt den Einzelnen als Grundrechtsträger gegenüber dem

staatlichen Hoheitsträger zu schützen. Auch und gerade, wenn dieser Staat sich selbst zum Anwalt einer selbst ernannten „Volksgemeinschaft“ aufschwingt und als deren Sachwalter „dem Islam seine Grenzen aufzeigt“, wie es Ex-Stasi-Informantin Monika Maron in der „Welt“ einst formuliert hatte. Vielmehr zeigt die Verfassung der Anmaßung der Herrschenden die Grenzen auf und schützt die Glaubensfreiheit der Individuen vor diesen – wie jüngst im Kopftuchurteil geschehen.

Der studierte Jurist Fest hält offenbar „den Islam“ für die in der Verfassung festgelegte deutsche Staatsreligion. Denn nur dann wäre „der Islam“ überhaupt denkbarerweise in der Lage, durch sein Handeln „Freiheitsrechte“ zu verletzen und nur dann wäre eine „Demokratisierung“ desselben überhaupt ein Thema – denn Demokratie ist ein Verfahren zur Bestellung staatlicher Hoheitsträger, die weltliche Gesetze machen oder anwenden, während Religion für einzelne Gläubige ein Weg zum nicht weltlichen Seelenheil ist und deshalb gar keiner staatlichen Gesetzgebung zugänglich, weil Religion keine staatliche Agenda darstellt.

Eine Religion ist kein staatlicher Hoheitsträger

Da eine religiöse Überzeugung per definitionem immer die eines Einzelnen ist (der, wenn er religiös ist, in der jeweiligen Religion die Anleitung für die Wahrung seines Seelenheils findet), ist der Islam, den der Einzelne pflegt, geradezu ein Ausdruck seines Individualismus.

Weil aber eine Religion kein staatlicher Hoheitsträger ist, ist sie in ihren Lehren auch nicht an die Verfassung, unter anderem nicht an den Gleichheitssatz gebunden – ansonsten könnte man ja auch vor dem Bundesverfassungsgericht das Frauenpriestertum und das Recht auf neuerliche kirchliche Ehe für Geschiedene in der Katholischen Kirche einklagen.

Nur ein totalitärer Staat durchdringt das Privatleben seiner Bürger, zu dem etwa deren Religion oder deren Kindererziehung gehört – aber das ist es auch, was Nicolaus Fest und seine Gesinnungsgenossen anstreben. Und die Konsequenz ihrer „Islamkritik“ kann nach den Gesetzen der Logik keine andere sein, als dass sie einen atheistischen Weltanschauungsstaat nach dem Vorbild des Albaniens Enver Hoxhas anstreben. Denn darauf läuft die implizite Forderung, der Staat solle aktive Anstrengungen unternehmen, um dafür zu sorgen, dass Muslime ihre Religion nicht mehr frei ausüben können, hinaus.

Was aber neben dem völligen Fehlen von Ahnung seitens Fests, das durch ein umso größeres Mehr an Meinung ausgeglichen wird, noch auffällt, ist, dass Umsetzung seiner Ideen in staatliche Politik – abgesehen davon, dass sie verfassungswidrig wäre – im besten Fall dazu führen würde, dass mobile und qualifizierte Einwanderer massenhaft das Land verlassen, im schlimmeren Fall jedoch dazu, dass die gezielte Schikane einer gesamten Bevölkerungsgruppe durch eine von Assimilationswahn gekennzeichnete Politik zu einer Eskalation von Gewalt und Terror führt.

Die Folgen von Unterdrückung

Bis 2050 wird ein Drittel der Weltbevölkerung dem Islam angehören. In Deutschland werden es zehn Prozent der Bevölkerung sein. Der Anteil der Konfessionslosen wird hingegen im weltweiten Maßstab

sinken. Auch in Deutschland erweist sich diese Gruppe nicht als besonders zukunftsträchtig, da sie a) überdurchschnittlich oft kinderlos und b) überaltert ist.

Nun kann man natürlich denken, die zehn Prozent Muslime in Deutschland werden sich durch die viele „Islamkritik“ davon überzeugen lassen, dass sie alle im Grunde Untermenschen sind und es für sie besser ist, sich an die überlegene Leitkultur der weißen Säkulallala-Humanisten wie Nicolaus Fest zu assimilieren.

Bloß sagen aktuelle Beispiele aus Europa etwas anderes über die Erfolgsaussichten einer etatistischen Politik der Zwangsassimilation von Minderheiten aus: Der Versuch Italiens, das mehrheitlich von Deutschen bewohnte Südtirol, das 1918 Rom zugeschlagen worden war, durch gezielte Unterdrückung der Kultur der deutschen Südtiroler zu italienisieren, hatte zur Folge, dass ab 1960 Strommasten gesprengt und Terroranschläge verübt wurden. Die gleiche Entwicklung vollzog sich auch im Baskenland, in dem sich eine Vielzahl von Bürgern von Spanien zwangsassimiliert sah und Madrid meinte, das Problem durch Repression lösen zu können. In den Kurdengebieten der Türkei, wo ebenfalls eine rücksichtslose Assimilationspolitik betrieben wurde, wie sie „Islamkritiker“ gegenüber deutschen Muslimen und türkischen Einwanderern betreiben wollen, brach Mitte er 1980er Jahre ein blutiger Bürgerkrieg aus, den zu beenden erst jetzt möglich zu sein scheint. Und als nach dem „Euromaidan“ in der Ukraine 2014 die siegreichen Euronationalisten der russischsprachigen Bevölkerung im Osten des Landes eine Ukrainisierung in Aussicht stellten, spaltete sich die Krim ab und kam es im Donbass zu Aufständen, die ebenfalls in einen Bürgerkrieg führten.

Ich weiß nun nicht, mit welcher Begründung man davon ausgeht, dass Muslime in Deutschland anders reagieren werden, wenn man sie, wie es offenbar das Ziel von Springerpresse, Pegida, PI, AfD, NPD usw. ist, gezielt schikaniert, um sie dazu zu bewegen, ihre religiöse Identität abzulegen. Wer also Assimilationspolitik betreibt, wer eine komplette Bevölkerungsgruppe dehumanisiert und dämonisiert, wer ihnen ihre religiösen Rechte nehmen will, der sollte auch ehrlich sein und offen sagen, dass er in letzter Instanz auch bereit wäre, einen Bürgerkrieg zu riskieren.

Was Nicolaus Fest und die „Islamkritik“ wollen, ist nicht nur ein Frontalangriff gegen Freiheitsrechte, Individualismus und Gleichberechtigung, es legt auch die Lunte an den inneren Frieden des Landes. Deshalb nehmen wir sie beim Wort: keine Freiheit für die Feinde der Freiheit! Es wird Zeit, diesen Het-zern das Handwerk zu legen.

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About Author

Jg. 1973, ist allein erziehender Vater, freiberuflicher Lektor, Lerncoach und Kommunikationsdienstleister. In diesem Rahmen ist er unter anderem Redakteur beim "Deutsch-Türkischen Journal", Betreuer der Wirtschaftsblogs "Wirtschaft Global" und der "Blickpunkt"-Reihe aus dem Hause der ADMG Publishing Ltd. (Saigon). Er lebt in Bernburg/Saale.

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