NPD-Anhänger sollten auch Migranten werden können

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Beim Blog der Integrationsblogger hat es jetzt so richtig gefunzt. Das finde ich gut. Denn der Blog, auf dem ich mich richtig heimisch fühle, müsste eigentlich Gesellschaftsprogramm sein. Ich wollte erst Staatsprogramm schreiben. Aber den sozialistischen Betreuungsmodellen kann ich nichts mehr abgewinnen. Bevor der Staat etwas tut, sollte man lieber selbst aktiv werden. Integration ist nicht nur machbar. Sie ist vor allem notwendig. Ich selbst arbeite auch täglich daran. Dass der Blog also an einem Tag über 600 000 Zugriffe hatte, ist klasse. Anlass für den Medienhype war der „Brief eines besorgten Deutschtürken“ – die Retourkutsche auf den bescheuerten Brief eines NPD-Funktionärs aus den Katakomben des selbst ernannten „Nationalen Widerstands“.

So sehr, wie ich die Aufmerksamkeit gut finde, so wenig wohl fühle ich mich aber beim Umgang mit dem Thema. Besser wär‘s also, gar nichts zu sagen. Oder eben, wie Heinz-Rudolf Kunze das so nett besungen hat, sich unbeliebt zu machen. Also sag ich auch einfach mal in Mainz Alaaf: Der Antwortbrief auf die Geh-nach-Hause-Masche ist absolut witzig und entlarvend. Er kann gut ein Türöffner sein, um sich mit einem wichtigen Problem zu beschäftigen. Er kann aber auch das Gegenteil bewirken: Einmal Schenkelklopfen, ablästern, wie blöd die Nazis sind und wie gut man selbst. Und dann? Der geniale Volker Pispers schenkt das seinem sich amüsierenden Publikum immer wieder ein.

Vermutlich glaubten die, sie würden später an der Himmelspforte einmal ihre Eintrittskarten für das kritische Kabarett vorzeigen können. So nach dem Motto: Ich hab mich über die Bösen amüsiert. Um es klar zu sagen: Die Entlarvung ist notwendig. Lachen befreit. Aber dann? Idiotes bedeute, sich aus den öffentlichen und politischen Angelegenheiten herauszuhalten. Das sei eine patente Lösung für völkische Fanatiker, die Fremdstämmige wieder nach Hause wandern lassen wollen? Sind die Probleme gelöst, wenn sich diese Menschen heraushalten oder wenn man Nazis ausgrenzt?

Altgriechische Verhältnisse wären dann auch nicht so ideal

Ich denke: NEIN. Wenn man auf die griechische Polis rekurriert – immerhin war das eine Frühform der Demokratie – dann sollte man nicht nur die Rosinen im Auge behalten. Im griechischen Stadtstaat gab es zwar Mitbestimmung. Aber nicht für jeden. Frauen waren ausgeschlossen. Ebenso Fremde. Das waren nach griechischem Verständnis Bárbaroi. Wir kennen das Wort: Barbaren. Und das Verständnis von Nichteingesessenen ist traditioneller, als man das glauben könnte. Solche historisch unterirdischen Strömungen sind oft ziemlich lebendig. Also: Dass sich Menschen aus öffentlichen Zusammenhängen raushalten (müssen), ist nach meinem Verständnis nicht so toll.

Nun kenne ich das Verständnis derer, die mit dem Schlachtruf „Kein Platz für Nazis“ auftreten. Das ist ja richtig, so lange man sagt: Die Gedanken dürfen sich nicht verbreiten. Und Entscheidungen dürfen mit einer rassistisch ausgrenzen Ideologie nicht getroffen werden. Aber dann bleiben am Ende immer noch die Menschen. Und wenn die keinen Platz haben, wo sollen sie hin? Sollen denen die Bürgerrechte entzogen werden? Und was bedeutet das dann für eine Gesellschaft, die auf Integration, bzw. Inklusion zustrebt? Wenn solche Briefschreiber wie die von der NPD aus der öffentlichen Wahrnehmung heraus gedrängt werden, löst sich nicht das Problem.

Integration heißt, so viele Menschen wie möglich in eine freie und offene Gesellschaft zu integrieren. Und ich kann zwar verstehen, dass man sich über diesen hilflosen Brief amüsiert. Vor allem aber muss man die Menschen, die diesen Unsinn schreiben, zurückholen. Man muss sie auf die kruden Selbstwidersprüche ihres Denkens, auf die Unsinnigkeiten hinweisen.

Die NPD bildet selbst eine Parallelgesellschaft

Es stimmt: Migrant kommt von migrare, also wandern. Und das haben die Menschen seit erdenklichen Zeiten getan. Das Römische Reich ist an vielem zugrunde gegangen – an imperialer Aufblähung, innerer Degeneration, an der Zerstörung seiner fabelhaften Republik… – Die, im Übrigen germanischen, Einwanderer, die ja sonst die absoluten Leitbilder der nationalistischen Sektierer sind, stießen aber lediglich in ein kulturelles und staatspolitisches Vakuum vor. Und das war gar nicht so schlecht. Gerade in Oberitalien hat die Symbiose von Neuem und Altem Großartiges in Kultur und Wirtschaft hervorgebracht. Insofern ist der ganze Brief des NPD-Recken inhaltlicher Mumpitz. Er ist vermutlich aus Angst entstanden, Unsicherheit, vielleicht auch aus eigener kulturellen Standpunktlosigkeit. All die Dinge überwindet man aber nur durch Dialog. Die Schreiber solcher Briefe wissen gar nicht, dass es Eingewanderte gibt, die dieses Land lieben und sich dafür einsetzen. Damit muss man sie konfrontieren, um sie wieder zu integrieren.

Die Aufmerksamkeit im Zuge des Briefes war also bestens. Schade wäre es, wenn sich die Beteiligten dieses skurrilen Wortgefechtes in ihren Stellungen vergraben würden. Ich hatte das schon einmal geschrieben: Ich bin ein absoluter Fan von Egon Bahr und seiner Entspannungspolitik geworden. Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen, hatte er in der Zeit des Kalten Krieges gesagt, baue man aus Angst. Wenn man sie weg haben wolle, müsse man Vertrauen und Entspannung schaffen. Das gilt heute genauso wie für extremistische Gruppen, die sich in ihren Parallelwelten verschanzen. Denn nicht die Fremden leben zur Gänze in einer Parallelgesellschaft, sondern die Menschen in der NPD. Sie sollten Migranten werden und zurückwandern können.

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About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

3 Kommentare

  1. Andreas Molau
    Andreas Molau on

    @ Yonka

    „Wird ja immer besser!!!!!“ – Dass man sich um seinen Nächsten kümmern sollte. Unglaublich…

    Martin Luther King predigte vor gut 50 Jahren zum Thema Feindesliebe. Die sei keine Utopie sondern „absolute Notwendigkeit für das Überleben unserer Zivilisation“. Feindschaft erscheine oft grundlos. Sie könnte aber auch aus eigenen Fehlern entstehen, die man nicht sieht. Feindesliebe heißt also: Sich selbst zu prüfen und dem Feind gute Eigenschaften zuzugestehen. Hass mit Hass zu erwidern zerstöre alle. Gegen Hass helfe nur Liebe. Der Mann hatte recht. Der, auf dessen Bergpredigt er sich berief, sowieso.

    In diesem Sinne: Gute Idee, jemanden auf einen Cay einzuladen, der auf dem falschen Weg ist.

  2. Ja, tolle Idee! Anstatt sich über die NPD- Anhänger lustig zu machen, indem er so eine freche Antwort verfasst hat, um sich später feiern zu lassen, hätte er sie lieber auf einen Cay einladen sollen!!
    Ich finde, die Lösung des Problems sollten der Autor lieber der Kanzlerin mitteilen. Wenn die NPD´ler integriert werden müssen, dann kann das ja nicht unser Problem sein. Den Ausländern in Deutschland hat man schon immer „integriert euch“ zugerufen. Und jetzt sollen wir uns noch um die Integration der NPD-Mitglieder kümmern?
    Der Autor sollte, als ein integrierter Ex-Nazi, mal seine Arbeit (Politik) richtig machen, und seine ehemaligen Sinnesgenossen dann auch zur Integration auffordern! Oder, er sollte uns vielleicht kurz erklären, aus welchem Grund man sich dem rechten Milieu zuwendet und wie man sich wieder integrieren kann.
    Wird ja immer besser!!!!

  3. Olaf Mertens on

    Ein bedenkenswerter Einwand, wie ich finde. Allerdings: Wenn die NPD und ihr Umfeld derartige Briefe an Migranten, bzw. die, die sie dafür hält, verschickt (ich schränke das ein, weil viele „Migranten“ sind ja längst dt. Staatsbürger wohin sollen die also „nach Hause“ gehen – die sind ja hier zuhause), dann steckt da für mich auch eine Drohung dahinter: „wenn es nach uns geht, fliegt Ihr raus!“ und vor dem Hintergrund sind die Verfasser dieser Briefe ganz gut bedient, wenn man sie nur der Lächerlichkeit preisgibt. Das rechte Umfeld beschränkt sich nämlich nicht auf die Wahl solch vergleichsweise ziviler Mittel, wie wir alle wissen. Wie gesagt – ich finde de Einwand bedenkenswert und bin auch dagegen Leute aus der rechten Szene per se und für immer auszuschließen (expatriieren geht ja eh nicht 😉 ) aber das Mitleid, das in dem Beitrag evtl unterschwellig mitschwingt kann ich jetzt auch nicht teilen. Die Verfasser des „Hallo Migrant“-Pamphletes haben sich die Idiotenantwort redlich verdient!

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