Respekt statt Integration

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Integrationsblogger

Der Mensch von heute hat trotz der schier endlosen technischen Möglichkeiten, der Maschinen, die ihn zum Teil schon an handwerklichem Geschick überragen, keine Zeit. Keine Zeit, um zu überlegen, keine Zeit, um über die anderen Menschen nachzudenken. Aufgrund dessen ist er auf Schablonen, Klischees, Vorurteile, momentane Urteile angewiesen wie ein kleiner Säugling auf die Brustmilch der Mutter. Er hat keine Zeit, mit dem Nachbar von nebenan zu kommunizieren, ihn zu einem Kaffee einzuladen oder sich zu einem einladen zu lassen. Stattdessen holt er sich die Informationen über seinen ausländischen Nachbarn aus Dokumentationen im Fernsehen, begleitet von schauriger Hintergrundmusik und reichlichen Klischeewellen – direkt adressiert ins Unterbewusstsein des Zuschauers.

Er will alleine gelassen werden, ist konservativ und nicht offen für intellektuelle Revolutionen im eigenen Kopf. Bis heute ist ja alles gut gegangen und bis zum Tod sollte man nach Meinung des Otto-Normalverbrauchers als „guter Bürger“, dem Staat, der Polizei und allen anderen gesellschaftlichen Konventionen, deren Normen und Werten treu bleiben. Der Gastarbeiter mit seinem fremden Namen, Aussehen und Verhalten ist verdammt, feindselig und misstrauisch beobachtet zu werden, auch wenn seine Lebenseinstellungen und Konventionen noch wesentlich traditioneller sein mögen als die der meisten Einheimischen.

Erbe aus der Zeit des europäischen Imperialismus

Man setzt sich in der Bahn lieber zu drei anderen blonden und einheimisch aussehenden Personen als zu einer Kopftuchträgerin. Man spricht weiterhin laut zu Menschen mit schwarzen Haaren, weil man annimmt, die Person könne kein Deutsch und mit Steigerung des Dezibels beim Anreden würde sich diese Situation um einiges verbessern. Betende Menschen sind im früheren Land der Bannerträger der Christenheit verdächtig, schwarzen Mitbürgen sinnt man immer noch Dummheit und Unzivilisiertheit zu, als schrieben wir noch die Kolonialzeit.

Die Ernte des Rassismus aus dem Imperialismus ist immer noch frisch. Gelernt hat man immer noch nicht, dass „nur“ Kanaken sich gegenseitig so ansprechen können, genau wie es „Nigger“ tun. Die Gärten der Lagerarbeiten sind noch voll im Frühling des Rassismus und treiben ihre faschistischen Blüten. Integration ist nur ein fremder Prozess, den wir zu durchlaufen haben, doch die konkrete Definition liegt wohl immer noch auf den Bergen des Schlaraffenlandes, das sich noch kein Politiker zu betreten getraut hat.

Etwas, was die Mehrheitsgesellschaft lernen muss, ist, dass wir, die dritte Generation der Kanaken, hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, zum Teil Studenten und Akademiker sind, keinerlei negative Differenz zu einem „Matthias“ oder einer „Laura“ aufweisen oder uns in unserem Werdegang von ihnen unterscheiden.

Beim Waffenliefern interessiert man sich auch nicht für Missstände in Herkunftsländern

Es ist nicht der Pass oder der Name, der die Qualität eines Menschen ausmacht, sondern die Qualität des Menschen selbst, die seine Identität zum Vorschein bringt. Da helfen auch keine Argumente wie „in euren Ländern sieht es nicht besser aus“, oder „bei euch in den Ländern werden Andersgläubige bzw. Andersdenkende unterdrückt, massakriert und gefoltert“. Deutschland behauptet von sich, das Land der Aufklärung zu sein, die Bürger rationale Enkelkinder Goethes, Schillers, Kants.

Also kann es sich nicht gleichzeitig den Luxus gönnen, das eigene Land mit Saudi-Arabien oder anderen nahöstlichen Ländern zu vergleichen, die ja nach mehrheitlicher Meinung undemokratisch, unaufgeklärt sind, obwohl man solche „undemokratischen“ Regime ab und an auch schon mal gerne mit Waffen unterstützt, um auch von der kapitalistischen Torte der Rüstungsindustrie etwas abzukriegen.

Ihr habt eine kanakische Generation vor euch, die mitredet, mitdiskutiert und wenn es sein muss auch mal revoltiert. Unsere Vätergenerationen konntekein Deutsch, hatten Angst vor dem Staat und seiner Polizei und diese Menschen waren Arbeitstiere, die die Wirtschaft angekurbelt hatten. Doch nun stehen die Töchter und Söhne dieser Generation vor euch, die nicht mehr still, leise und dem Schicksal, das die Mehrheitsgesellschaft für sie geschrieben hat, ihren Kopf beugend da stehen, sondern auch nach ihren Rechten greifen.

Akzeptieren, dass es kein „Wir“ und „Die“ mehr gibt

Wenn ein Dialog stattfinden soll, dann nur auf Augenhöhe, denn kein Mensch ist berechtigt, über oder unter einem anderen Sterblichen zu stehen, was der Ausgangspunkt für eine gerechte Gesellschaft ist und bleibt. Wenn ihr und unsere unwissende ausländische Bevölkerung dies verstanden haben, können wir miteinander reden und bei einem solchen Standpunkt brauchen wir uns nicht mehr zu integrieren, sondern einander nur gegenseitigen Respekt erweisen. Und auch dann darf man sich nicht wundern, warum manche Ausländer sich nicht die Backen schwarz-rot-gold färben und mit der deutschen Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren mitfiebern, denn jeder Bürger, auch ausländische, hat das demokratische Recht, fern von gesellschaftlichen Konventionen nicht für oder gar gegen Lahm&Co. zu sein.

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Jahrgang 1987, Student der Soziologie und der islamischen Religionswissenschaft.

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