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Es gab Zeiten, Phasen und Lebensabschnitte in meinem Leben, wo ich fern von meinem Umfeld, eine Inspirationsquelle suchte, die leicht zu verinnerlichen war und mir aus der Seele sprach. Eine Inspirationsquelle, die ich auch als Zuhörerin empfinden wollte. Im Alltag ist man oft Situationen ausgesetzt, die manchmal aufgrund von Diskriminierung und Rassismus nicht zu ertragen sind. Zumindest erging es mir damals so. Mittlerweile ist mir so ziemlich vieles einfach egal.

Dieses Egalitätsgefühl sollte natürlich nicht überhand annehmen, ansonsten wird es wieder kritisch. Also Ruhe bewahren und schön den Mittelweg gehen.

Innerhalb dieser Phase, hörte ich oft die Texte von Ammar 114. Eines abends, ungefähr vor 2 Jahren, saß ich vor meinem Laptop und kaufte mir die Songs online von diesem muslimischen Rapper. Da ich es so eilig hatte, lud ich einfach alles, was mir von Ammar in die Quere kam, herunter. Ich speicherte sie auf meine SD-Karte, welche dann in meinem Auto auf der Fahrt zur Arbeit zum Einsatz kam. Reime, die bewegen, strömten durch jede Faser meiner emotionalen Sphäre. Tralala, sumdidum, fuhr ich durch die Gegend rum.

Nach dem der letzte Klang von „Aus dem Schatten ins Licht“ erloschen war, hörte ich neue Worte bei denen ich einfach nur denken musste: „Yeaaaaah, zeig’s denen!“ Ich hörte Sayfoudin & Ammar mit dem Protestsong „Wir halten dagegen.“ So schlich sich der Sayfoudin auf meine Speicherkarte. Das ist natürlich nur einer dieser inspirierenden Songs. Wie Ihr mich vielleicht bereits schon kennengelernt habt, kann ich die Finger davon nicht lassen und muss mit den Menschen sprechen, die mir durch ihre Arbeit auf meinem Weg geholfen haben. Und so kam es zu dem Interview mit Sayfoudin.

Wie kam die Idee mit dem Singen? Wann hat Deine Gesangskarriere begonnen?

Es hat alles in der Schule angefangen. Damals hat der Bruder von einem Klassenkameraden Musik gemacht und mein Klassenkamerad fragte mich, ob ich mitmachen möchte. Zu Anfang haben wir englische Songs nachgerappt. Später hat sich die Gruppe leider aufgelöst. Hinterher hat mich mein damaliger Nachbar Iman angesprochen, weil er gehört hat, dass ich rappe und bis heute sind wir Partner.

Schreibst Du die Songtexte und komponierst sie selber?

Ich schreibe die Texte selbst, was dazu führt, dass es schon sehr lange dauert, weil ich einfach sehr selbstkritisch bin. Was die Musik angeht, so bastele ich die Ideen, die dann von Iman oder auch Efe und mir produziert werden. Ich nutze aber auch die Chancen von diversen Musikern, Beats zu nehmen, wie z.B. Koray Şen. Alles in Allem bin ich sehr kritisch und deshalb hat es auch lange gedauert bis mein erstes Album fertig war.

Definierst Du Dich als Deutscher, Marokkaner, Italiener oder alles zusammen?

Ich bin alles! Ich liebe Antipasti, wie ein Italiener! Ich liebe Tajine, wie ein Marokkaner und liebe Handkäs mit Musik, wie ein Frankfurter, zumal ich egal wo ich bin, ein Ausländer bin. (Lacht!)

In Italien und in Marokko bin ich der Deutsche und in Deutschland der Ausländer.

Du bist trilingual aufgewachsen, nehme ich an. Kannst Du Italienisch und Arabisch?

Ja, mehr oder weniger. Italienisch kann ich, doch leider kann ich kein Arabisch, nur etwas Tamazight. Es ist ein marokkanischer Berberdialekt, welcher im Rifgebirge gesprochen wird.

Lebst Du beide Kulturen?

Ich lebe und liebe beide Kulturen. Was ich aber an den Sizilianern und Marokkanern sehr schätze ist, dass sie trotz hoher Arbeitslosigkeit und zum Teil schweren Zeiten, eine Leichtigkeit und Lebensfreude ins Leben bringen. Klar, es gibt immer Phasen, wo es nicht so einfach ist mit Leichtigkeit durch das Leben zu gehen, aber bei beiden ist ein starkes Gottvertrauen vorhanden, welches ich sehr bewundere und Gott sei dank auch habe, denn egal was auch kommen mag, es hat seinen Grund und alles was geht hat ebenfalls seinen Grund! Das ist das, was ich von meinem marokkanischen Vater und meiner sizilianischen Mutter gelernt habe, unabhängig wie unterschiedlich die Religionen oder die Kulturen von beiden auch sind. Es lässt sich mit diesem Gedanken auch leichter leben und die Verantwortungen, die man hat, tragen.

Wie kombinierst Du diese?

Kombinieren hört sich so geplant an. Ich kombiniere nicht, ich lebe und bin wie ich bin. Reagiere mal marokkanisch, italienisch oder sogar deutsch.

Was magst Du besonders an den beiden Kulturen?

Ich hab wirklich das Glück mit zwei Kulturen groß geworden zu sein, in denen das Kulinarische sehr groß geschrieben wird und so genieße ich es zu kochen und zu essen. Ebenfalls ist es ein großes Privileg, dass beide Kulturen sehr religiös sind und dass die Familie groß geschrieben wird.

Magst Du Pizza? 

Ich liebe Pizza! Aaaaaber, jetzt werden mich einige Geschwister im Glauben lynchen:

Nicht mit Sucuk! 🙂

Sucuk gehört auf den Grill, mit Ei zusammen oder auf das Brot, aber nicht auf eine Pizza. Da bin ich zu italienisch :-))

Du bist zwischen Christentum und Islam aufgewachsen. Das ist ein Paradebeispiel, dass ein Miteinander verschiedener Nationen und Religionen im Einklang sein können. Konntest Du davon profitieren bzw. Brücken innerhalb der Gesellschaft bauen?

Nun ich hoffe, dass ich Brücken bauen konnte und dass mein Verständnis für beide Religionen, durch meine Herkunft und Erziehung dazu beigetragen haben. Ich konnte, Gott sei dank, Texte von Ammar114 in Schulbüchern platzieren. Das ist in meinen Augen der größte Erfolg meiner langjährigen Arbeit. Ich kann für mich sagen: Nichts ist besser als unsere Kinder zu erreichen und wenn die noch die Texte lesen und bearbeiten müssen, dann ist es perfekt!

Ich persönlich habe, Alhamdulillah, profitiert. Ich bin Muslim und liebe den Propheten der Juden, Musa (Moses), den Propheten der Christen Isa (Jesus), und den letzten Propheten Mohammed s.a.s., denn alle sind von einem Gott und dieses Verständnis ist mein größter Profit, welches ich von meiner Mutter, wie von meinem Vater erhalten habe.

Hast Du rassistische Erlebnisse / Übergriffe erlebt?

Direkt nicht, denn ich hab nicht so einen Bartwuchs, dass man mich als Muslim direkt erkennen könnte. LEIDER!

Aber als ich den Song „Wir halten dagegen!“ in dem wir, Ammar114 und ich, gegen die Antiislam-Hetze protestiert haben, veröffentlichte, hat es nicht lange gedauert bis die Typen von PI es herausbekommen haben. Innerhalb einer Nacht kamen mehrere Droh- und Hass-Mails, die bis zur Androhung von körperlicher Gewalt, alles beinhalteten.

Dennoch kenne ich genug Geschichten von Schwestern und Brüdern, die es am eigenen Leib erlebt haben, was sehr traurig ist!

Was sagst Du zu PEGIDA? Siehst Du es als eine Bedrohung? Wie gehst Du damit um? Konntest Du bereits negative Auswirkungen erkennen?

Was ich sage? Na endlich! Endlich kommt es an den Tag, wovon der Muslim schon jahrelang gesprochen und keiner es geglaubt hat und es als ein Gejammer empfunden wurde.

Wenn man sich die gesamte Bewegung anschaut, wird einem klar, dass es nicht nur in Leipzig rassistische Köpfe gibt, sondern auch in Dortmund, Köln, Hamburg, Frankfurt und und und, und es zeigt, dass bei allem Kulturgerede ein tiefsitzender Rassismus in den Ecken und Kanten Deutschlands herrscht. Ich will hiermit auch klarstellen, dass ich nicht alle Deutsche deshalb über einen Kamm schere. Im Gegenteil: Ich bin stolz darauf hier zu leben, weil viele Deutsche auf die Straße gegen diese Art Menschen gehen und dagegen kämpfen. Danke dafür Deutschland!

Es zeigt aber auch, dass die Medienpropaganda ihre volle Wirkung in all den Jahren entfalten konnte, die Politik versagt hat gegen Rassismus vorzugehen, den Menschen, die von Pegida & Co. angegriffen werden, deutlich zu machen, dass sie / wir ein Teil Deutschlands sind und dass Deutschland ohne Hilfe und Arbeitskraft dieser Ausländer nicht da wäre, wo es heute ist.

Die Auswirkungen sind klar. Junge Menschen gehen auf die Straße, zünden Asylbewerberheime und Moscheen an, und diskriminieren Unschuldige.

Verrätst Du uns etwas über Dein nächstes Projekt?

Am 18.05.20105 ist mein Album in den Online-Shops erhältlich. Es werden neue Songs und Remixe von bereits veröffentlichten Songs zu hören sein. Ich werde noch zwei Videos veröffentlichen. Ich hoffe es kommt gut an.

Möchtest Du unserer Leserschaft evtl. noch etwas mitteilen?

Seid lieb zueinander, denn wir haben nur dieses eine Leben und das sollten wir lebenswert und mit Respekt leben. Wir sollten unseren Kindern zeigen, dass dieses Leben schön ist, mit all den verschiedenen Kulturen und Religionen.

Danke Sayfoudin. Wir wünschen Dir viel Glück und Erfolg auf Deinem Wege!

Dieser Artikel erschien auch bei www.integrated-happiness.de

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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