Steckt Euch Eure Kategorisierungen sonst wohin!

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Ein Schuhkarton voller Geld der AKP Regierung öffnet sich; ein angesehener, muslimischer Gelehrter, Fethullah Gülen, springt daraufhin auf seinem Sessel auf und ab und verflucht die halbe Community. Wo Sie gerade sind?! Mitten in den politischen Spielen der Türkei. Ein weiteres Ereignis, das leider zu einer Spaltung mehr geführt hat.

Seit Jahren haben auch wir Türken in Deutschland mit dem Nachhall diverser Konflikte zu kämpfen, die sich auf Rasse und politische und religiöse Ideologien in der Türkei beziehen. Wer kennt die immer wieder aufflammenden Debatten über Kemalisten vs. Konservative, Aleviten vs. Sunniten, Türken vs. Kurden und weiß der Geier, was es noch alles gibt, nicht?!

Hallo Deutsch-Türke!                                                                                                                                       

Wir schaffen es seit über 50 Jahren nicht, in diesem Land zusammenzuhalten und heulen dann auch noch rum, weil wir unsere Interessen so schwer durchsetzen können. Wir lassen uns durch Angelegenheiten, die sich in ca. 3000 km Entfernung abspielen, spalten und beschließen dann, nicht mehr untereinander zu kommunizieren. Es entsteht in der deutsch-türkischen Gemeinschaft ein Übereinander und Gegeneinander, statt eines Miteinanders.  

Wir verpassen uns gegenseitig gerne Ohrfeigen und K.O.-Schläge vor deutschen Institutionen und anderen Einrichtungen, anstatt geschlossen aufzutreten. A arbeitet nicht mit B zusammen, weil B Gesinnung X/Y angehört und deshalb etwas anderes bezweckt. B kritisiert unnötig die Aktion von A in der Öffentlichkeit, weil A der Gesinnung X/Y angehört. Aber nebenbei beschwert man sich dann als Türkin oder Türke in Deutschland über dieselben Dinge. Ja, und das jahrelang! Als wäre die Situation schon nicht demütigend und ineffizient genug, verpestet man dann auch noch die schöne Jugend mit diesem Hass, dieser Paranoia und diesen Pseudogedanken. Man vererbt diese Krankheit von Generation zu Generation. Es verändert sich trotz allen Mühen nur sehr wenig in diesem Land, denn wir sind eine Gemeinschaft, die nicht konstruktiv kritisieren oder loben kann.

Same Shit, Different Toilette…

Es mag zwar kein netter Vergleich sein, aber die Probleme der türkischen Community in Deutschland sind vergleichbar mit stark verschmutzten Toiletten, die wir jahrelang versuchen, sauber zu kriegen. Jeder will sich um den Scheiß kümmern, aber durch einseitiges Schrubben kommen wir nur sehr schleppend voran. Wer das Klo sauber machen will (und glauben Sie mir, das wollen wir alle!), der darf nur eine bestimmte Putztechnik anwenden. Tja, und alleine kriegen diese Menschen diese Klos nicht sauber und es fängt richtig an zu stinken. Dann kommt uns allen wieder das Kotzen und wir kotzen uns am liebsten gegenseitig an, warum A, B oder C das Klo nicht sauber kriegt, obwohl er die Scheiße für sich beansprucht hat.

… ein Problem, viele „Problemlöser“

Ja, der Vergleich war nicht besonders nett, aber er spiegelt immerhin authentisch die Gefühle der Community wider. Aber hier, was ich eigentlich sagen wollte: Halten wir einmal fest, dass jede deutsch-türkische Vereinigung dasselbe Problem hat und dieses zu lösen versucht. In diesen Vereinigungen darf aber nur derjenigen das Problem mitlösen und seinen Input liefern, der dieselbe Ansicht und dasselbe Denkmuster teilt wie die anderen „Eingeweihten“. Denkmuster und Ansichten, die sich allerdings nicht auf das Problem in Deutschland beziehen, sondern unsachgemäße Erwägungen wie die türkische Politik beinhalten. Viele sind nicht besonnen genug, um an einem Klo mit verschiedenen Techniken zu putzen und das Klo endlich einmal sauber zu kriegen.

Jungen Leuten wird Folgendes zur Last gelegt…

Treffen Sie revolutionäre Aussagen? Dann sind Sie definitiv Alevite oder Kurde. Sind Sie für Versammlungs- und Meinungsfreiheit? Dann sind Sie ein sogenannter Çapulcu. Sind Sie für freie Religionsausübung und für das Kopftuch im öffentlichen Dienst? Dann sind Sie zu hundert Prozent AKPler. Schauen Sie ab und an in die Zaman rein? Boah, dann gehören Sie zur Gülen-Bewegung. Wir können es einfach nicht lassen! Aussagen und Verhalten werden mit einer türkischen, politischen Ideologie verbunden, junge Menschen in eine Schublade gesteckt und unglücklicherweise zu Stellungnahmen gedrängt, die sie eigentlich noch nie machen wollten. Jedoch zeigt uns das Verhalten junger, selbstbewusster Menschen, dass sie distanzierter und differenzierter an bestimmte Sachverhalte herangehen können, die sich in keine Richtung drängen lassen.

ACHTUNG!

Bevor dieser Text nun den Verdacht aufkommen lässt, die junge Generation sei vollkommen assimiliert und versuche sich durch einen Appell von seinen türkischen bzw. migrantischen Wurzeln lösen, hier noch einmal ein Hinweis: Nein, es geht auf keinen Fall darum, dass man keine Meinung bezüglich der türkischen Politik haben sollte; es geht auch nicht darum, dass man irgendwelche Konfessionen ablegen sollte. Auch diese sind Teile unserer Identität und unserer Persönlichkeiten. Allerdings geht es darum, dass diese innerhalb von Deutschland, wenn wir etwas bewegen möchten und zusammenhalten müssen, nicht unnötig im Fokus stehen und dadurch ein effizientes Ergebnis verhindern sollen. Denken Sie ruhig, haben Sie ruhig eine Meinung, aber bringen Sie diese nicht dann zum Ausdruck, wenn nach ihr gar nicht gefragt wird. Machen Sie diese nicht zum Kriterium für eine Zusammenarbeit, wenn Sie ein Problem der Community in Deutschland beheben wollen.

Hoffnung!

Es geht zwar nur schleppend voran, aber ich glaube, dass viele junge Leute es so langsam hinkriegen, den Charakter eines Menschen vor die Politik und Religion zu stellen und sich hierauf zu fokussieren. Und siehe da: Auch die älteren Herrschaften sehen so langsam ein, dass die Community sich besser organisieren und absprechen muss. Es gibt eine Reihe von Vereinen, Verbänden und Institutionen, die das so gut wie möglich umzusetzen versuchen, aber auch sie befinden sich dauerhaft im Schussfeuer der Kategorisierung.  

Für den Rest, der das Ganze überhaupt gar nicht versteht, habe ich nur folgende Worte übrig: Liebe Für-euch-gibt-es-keinen-Begriff-Menschen, ihr seid langfristig nicht mehr die Zielgruppe junger Deutsch-Türkinnen und -Türken; von euch möchte man gar nichts. Ihr seid nur damit beschäftigt, irgendwelche Posten mit eurer Inkompetenz zu besetzen, Leute herumzuschubsen und dauerhaft und unnötig zu pöbeln.
Wir beschäftigen uns von nun an mit den jungen, kompetenten und innovativen Damen und Herren, die auch auf euch keinen Bock mehr haben. Das sind nämlich reichlich viele und mit ihnen lassen sich tolle Dinge auf die Beine stellen.

Was wir nämlich brauchen, sind Menschen, die uns an der Hand nehmen und uns erklären, was wir sehen. Ihr hingegen versucht uns zu einzutrichtern, was wir sehen sollen.

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About Author

Jahrgang 1992, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim, ehemalige Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, mündige und selbstbewusste Deutsch-Türkin.

4 Kommentare

  1. Pingback: Es rettet uns kein ferner Führer…

  2. „Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.“

    Konfuzius

    Ich würde gerne etwas zur Rhetorik von Erdogan sagen bzw. schreiben. Seine Reden erinnern mich ein wenig an das Dritte Reich.
    Sein Agitationsmittel ist die Religion. Er verbindet nicht, er spaltet. Der Islam verbietet Götzenanbetung – aber Erdogan will von seinem Volk gehuldigt werden, er will dass sein Volk Ihn anbetet, er will zum Heiligen ernannt werden. Aber leider ist auch er nur ein Mensch aus Fleisch und Blut – mit Wutanfällen, mit Zorn, mit Strafen für all diejenigen, die nicht so funktionieren wollen wie er es gerne hätte. Toleranz ist für Ihn ein Fremdwort. Dann wird schnell aus seinem Volk das Gesindel, dann gibt es Verschwörungstheorien von bösen Mächten, die Ihn von seinem Thron stürzen wollen und so weiter und so fort. Bei seinen öffentlichen Reden mag man gar nicht glauben, dass es sich hierbei um einen Staatsoberhaupt handelt. Er gestikuliert wie ein Nichtschwimmer auf dem offenen Meer. Er brüllt ins Mikrofon. Er verflucht seine Gegner. Er ist wie ein Gemüsehändler auf dem Basar, der sein verdorbenes Obst dem Käufer andrehen möchte. Keine schönen Eigenschaften für einen Repräsentanten der Republik Türkei.
    Dabei könnte er mit mehr Fingerspitzengefühl und bedachten Sätzen und Äußerungen auch seine Gegner überzeugen. V.K.

  3. ist schon komisch…
    … Eigentlich hätte ich nicht gesdacht das ich dir Recht geben würde, aber du hast ja mal einfach nur 100% RECHT.
    Ich glaube ich muss die aufrichtig Danken… DANKE 🙂
    Ich denke Mensch sein fällt mitlerweile sehr vielen von uns ziehmlich schwer, aber vielleicht können wir das ja ändern, sollte ja eigentlich nicht so schwer sein weil wir ja im grunde als solche auf die Welt kommen. Ich denke aber trotzen optimistsch und sage ihrgendwann sind wir alle so weit.!!!

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