Was sucht das Vieh im Koran?

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Bildquelle: Suzanne Chapman | CC BY-NC-SA 2.0 | Koran 

Nehmen Sie eine Koranübersetzung zur Hand – gleichgültig, wer sich die Mühe dafür gemacht hat -, stöbern Sie darin: Sie werden feststellen, dass einige Begrifflichkeiten leider nicht ihrem originalen Ursprung entsprechend übersetzt worden sind. Damit möchte ich den Dolmetschern kein Unwissen unterstellen, aber es fehlen lediglich die Präzision und das Fingerspitzengefühl bei der Übersetzung, wodurch nur die Wörter, jedoch nicht ihre Sinne gleichzeitig übersetzt werden. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass von einer Sprache in die andere nicht wortwörtlich übersetzt werden kann, zumal wenn es Wörter sind, die in die Kultur eines Landes hineingewachsen sind, die aber in anderen Kulturkreisen nicht vorhanden sind. Beispielsweise das Wort „HALAL” kann ins Deutsche nur als „Erlaubtes” übersetzt werden, obwohl dem Wort mehrere weitere Bedeutungen zugeordnet werden können. Die arabischen Gelehrten bezeichnen diese Wörter als „Kelime-i Tayyibe” – also Wörter, die in andere Sprachen schwer zu übersetzen sind, weil dadurch nicht ihr eindeutiger Sinn bewahrt werden kann.

Es wird am Beispiel der Namensgebung der Suren (Kapiteln) in dem heiligen Buch der Muslime deutlich: So heißt das zweite Kapitel des Korans „die Kuh”. Ursprünglich heißt es „Bakara” und das Wort steht im Arabischen sowohl für einen Pflug als auch für die Tiere, mit deren Hilfe man die Erde pflügt. Der Leser, der nicht unbedingt ein Nichtmuslim sein muss, entwickelt sich unter der einfachen Übersetzung mit „Kuh” gedanklich etwas, was mit der Größe dieses Kapitels nicht übereinstimmen mag. Es ist das längste Kapitel mit 48 Seiten und wird ausgerechnet nach einem Tier benannt. So merkwürdig es sich auch anhört, verbirgt sich ein Inhalt in diesem Kapitel, mittels dessen der Autor dieses Buches, Allah, seinen Geschöpfen eine Wahrheit vermitteln möchte. Dieses Beispiel ist kein Einzelfall im Koran, dessen sich Allah bedient. Mit Detailerläuterungen, die sogar zu Lebzeiten des Propheten Mohammed die Götzendiener von Mekka bagatellisiert hatten und nicht nur sie, scheut sich Allah nicht, diese als Beispiele zu wählen, um wichtige Tatsachen zu erläutern.

Deshalb treten im Koran neben dem Vieh auch Ameisen, Bienen, Zwiebeln, Datteln und allerlei Wesen auf, die uns zu einer Wahrheit verleiten, die Allah uns zu vermitteln beabsichtigt. Nicht sie werden hier erläutert, sondern sie dienen einzig als Symbol dessen, was eigentlich beabsichtigt wird.

Verse mit den Umständen ihres Herabsendens zusammen interpretieren

Bevor wir uns dem Grund der Namensgebung des zweiten Kapitels widmen, soll noch klargestellt werden, was der Koran uns, als eine Überlieferung von Gott, mitteilen möchte: Der Koran schneidet eine große Vielfalt an Themen an, die man unter vier wesentlichen Themenkomplexen zusammenfassen kann. Neben der Einheit Gottes werden der Begriff der Prophetenschaft, das Ewige Leben im Jenseits und die Regeln für das Zusammenleben sowie für die Rituale erläutert. Speziell das erste und das dritte Thema nehmen fast zwei Drittel des Korans ein, weil Allah darauf einen besonderen Wert legt. Der Glaube an den einen Gott und der Glaube an ein Leben im Jenseits sind die wichtigsten Botschaften, die der Schöpfer auch in den zuvor herabgesandten heiligen Büchern immer wieder betont hat.

Die Terminologie, derer sich der Koran bedient, verknüpft spezifische religiöse Konzepte, die detailliert studiert und verstanden werden sollten, um auch die Wörter selbst verstehen zu können. Der jeweilige Bezug eines Verses auf viele andere, die ähnliche Inhalte wiedergeben, sollte zudem mit den Ereignissen, die zu der Herabsendung dieser Versen geführt haben, gemeinsam interpretiert werden können. Die Verse allein dienen einem gewissen Grundverständnis, jedoch bei einer oberflächlichen Behandlung bleiben dem Leser viele Fragen offen, die dann mithilfe von Werken der Exegeten beantwortet werden sollten.

Kommen wir wieder zu der Frage, was das Vieh im Koran zu suchen hat. Das Kapitel wird nach einem Ereignis benannt, das in den Versen 67 bis 73 dieses Kapitels erzählt wird und uns als Gleichnis vor Augen geführt wird. Das Tier soll lediglich eine Wahrheit symbolisieren und nicht selber Bestandteil des Themas sein.

67. Und (gedenkt der Zeit) als Moses zu seinem Volk sagte: „Wahrlich, Gott gebietet euch, eine Kuh zu opfern.“ Sie erwiderten: „Willst du dich über uns lustig machen?“ Er sagte: „Ich nehme Zuflucht bei Gott davor, einer der Unwissenden zu sein (indem ich mich über irgendjemanden lustig mache).“

 

68. Sie sagten: „Rufe für uns deinen Herrn an, dass Er uns erkläre, wie sie sein soll.“ Er (Moses) antwortete: „Wahrlich, Er sagt, es soll eine Kuh sein, die nicht (zu) alt und nicht (zu) jung zum Kalben ist, (sondern) ein Alter dazwischen (hat). So tut denn, was euch befohlen worden ist.“

 

69. Sie sagten (indem sie fortfuhren, Schwierigkeiten in der Sache zu machen): „Rufe für uns deinen Herrn an, dass Er uns erkläre, welche Farbe sie haben soll.“ Da antwortete er (Moses): „Wahrlich, Er sagt, es soll eine gelbe Kuh sein von lebhafter Farbe, die die Schauenden erfreut.“

 

70.  (Immer noch unwillig, den Befehl auszuführen) sagten sie: „Rufe für uns deinen Herrn an, dass Er uns (noch einmal) erkläre, wie sie (genau) sein soll. Für uns sind die Kühe einander (sehr) ähnlich; und wenn Gott will, werden wir gewiss rechtgeleitet sein (um genau die Art von Kuh ausfindig zu machen, die zu opfern uns befohlen wurde, und sie zu opfern).“

 

71.  Er (Moses) antwortete: „Wahrlich, Er sagt, es soll ein Kuh sein, die nicht fügsam (gemacht worden) ist, die weder den Boden gepflügt noch den Acker bewässert (hat), makellos, ohne jegliche Flecken.“ Da sagten sie: „Jetzt (endlich) hast du die Wahrheit gebracht.“ So opferten sie sie, und beinahe hätten sie es nicht getan.

 

72. Und (gedenkt der Zeit) als ihr jemanden getötet hattet und euch gegenseitig beschuldigt habt, um die Verantwortung abzuschütteln. Doch Gott sollte (ans Licht) bringen, was ihr verborgen gehalten hattet.

 

73.  Da sagten Wir: „Berührt ihn (den Leichnam) mit einem Stück von ihr (der Kuh)!“ (Da taten sie es, und der wiederbelebte Leichnam gab den Mörder preis). So bringt Gott die Toten wieder zum Leben und zeigt euch die Zeichen (Seiner Macht, Seiner Einheit und Seiner Vorgehensweise), damit ihr die Wahrheit begreifen möget (und keinerlei Zweifel hegt an den wichtigsten Glaubensartikeln).

Gleichnisse im Koran weisen auf seine grundlegenden Wahrheiten hin

Aus diesem Auszug wird deutlich, dass Allah mit dieser Geschichte, die aus zwei Teilabschnitten besteht, eben jene Wahrheit verdeutlicht, die sein Hauptaugenmerk ist: Nämlich der Glaube an den einzigen Gott und der Glaube an das Leben im Jenseits. Mit dem ersten Teilabschnitt wird klargestellt, dass das Volk von Moses ein Vieh schlachten soll, um damit zu bezeugen, dass sie, nicht wie die alten Ägypter, die Apis, dem ochsenköpfigen Gott heiligen, als ihren Schöpfern sehen, sondern für den Willen Allahs, ihres tatsächlichen Schöpfers, diese schlachten sollen. Im zweiten Abschnitt dagegen wird ein Ermordeter mit einem Stück des  geschlachteten Viehs berührt, worauf dieser aufersteht und seinen Mörder nennt. Hier wird gezeigt, dass eine Auferstehung nach dem Tod und ein Leben im Jenseits stattfinden werden.

Diese Geschichte zeigt uns, was das Vieh im Koran zu suchen hat. Und dieses dann ausgerechnet auch noch den Namen des längsten Kapitels im Koran bestimmt.

Ähnlich zu interpretieren ist auch der Name des Kapitels 6. „An’am” ist der Oberbegriff für die vier Tiere, die zum Opferfest geschlachtet werden dürfen. Wörtlich übersetzt heißt es „das Vieh”. Es sind die Tiere Kamel, Rind, Schaf und Ziege. Auch hier liegt uns Allah die gleiche Wahrheit nahe wie im Kapitel zwei, doch die Übersetzung mit dem Wort „Vieh” lässt natürlich viele Fragen offen, die sich der Leser dieses Buches stellt.

Alternativ zu diesen typischen, nicht-authentischen Übersetzungen hätten die Dolmetscher die Originalwörter, also die „Kelime-i Tayyibe“ beibehalten und die Kapiteln 2 und 6 mit „Bakara“ und „An’am“ benennen können. Für die neugierigen Leser könnten in einem Zweizeiler die Bedeutung und der Ursprung dieser Wörter erklärt werden. So bliebe man auch dem Sinn der Wörter und den Geschichten im Koran treu.

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About Author

Geboren am 18.07.1973 in Kassel ist Sait Gül dort zur Schule gegangen. Sein Studium absolvierte er im Bereich Bauingenieurwesen. In seiner Jugend entwickelte sich Gül im Gebiet der Religionswissenschaften und Geschichte. Er war jahrelang freier Journalist in Tageszeitungen und brachte selbst eine regionale Zeitschrift in Kassel heraus. Gül ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist ein leidenschaftlicher Leser von historischen Romanen.

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