Türkische Community: Eine Einheit kann es nur hinsichtlich der Spielregeln geben

1

Liebe Merve,

lieber “besorgter Deutsch-Türke”, 

mit Interesse und Betroffenheit habe ich Eure Beiträge auf „Integrationsblogger” gelesen. Ich gebe Euch in jedem Punkt Eurer Beiträge Recht. Es wäre töricht, Euch widersprechen zu wollen. Aber ich möchte mir erlauben, zumindest erhoffe ich mir das, Euch beiden und Euresgleichen eine weitere Perspektive anzubieten:

Seit ich mich erinnern kann, wird in der türkischen Community immer wieder die Forderung aufgestellt, wir sollen endlich eine Einheit sein. Wir sollten uns endlich verbrüdern und gemeinsam handeln. Und dies – so gebe ich Euch Recht – ist der türkischen Community nie richtig gelungen.

Aber ich frage Euch: Ist eine solche Einheit und Verbrüderung überhaupt möglich? Kann ein solcher Zustand überhaupt stabil und dauerhaft sein – in Anbetracht der schnelllebigen Veränderungen in einer Gesellschaft? Noch vor sechs Monaten haben diejenigen, die sich heute streiten und die Köpfe einschlagen, während der Gezi-Park-Proteste eine Gemeinschaft gebildet, die sogar sehr erfolgreich war. Heute sind sie gespalten und stecken sich, wie Ihr es berechtigterweise angeführt habt, gegenseitig in Schubladen, diffamieren und denunzieren einander. 

Die Einheit ist eine Illusion. Denn sie ist kein physikalischer Zustand, wie ein Fels, der einmal geschliffen, für ewig Bestand haben wird. Prestige, Wohlstand, Positionen – im Wettbewerb darum und um die Gunst der „Mächtigen” wird die Einheit einer Gemeinschaft nicht nur herausgefordert, sie wird immer – wenn nicht heute, dann an einem anderen Tag – daran zugrunde gehen. Ihr und Euresgleichen, die sich in der Ausbildung befinden, stehen noch außerhalb dieses Wettbewerbs. Aber steigt Ihr eines Tages in den Ring, dann werdet Ihr, wie meine Generation und die davor auch, Euch in einem Gefangenendilemma befinden.

Vom Liebling zum Verräter in nur 6 Monaten

Vor einem halben Jahr war ich der Liebling der türkischen Community. Mit wortstarken Argumenten habe ich mich für die Regierung während der Gezi Park-Proteste eingesetzt. Heute bin ich ein Gülenist. Ich bin schon zum Verräter verklärt worden. Die, die mich nun kritisieren, behaupten nun, das hätten sie schon immer irgendwie geahnt – so so. Während die Erdoğan-Anhänger mich auf den Schultern trugen, war ich hingegen das böse Feindbild der Unterstützer der  Gezi-Park-Proteste. Auch von dieser Seite wurde mir vorgeworfen, ich sei ein Gülenist. Amüsant, nicht!?

Ein anderes, ähnliches Beispiel: Als ich die Ergebnisse der endaX-Wahlstudie im August 2013 vorgestellt habe, lösten die Befunde der Studie Irritationen aus. Es war für viele unvorstellbar, dass die Türken vermehrt sich von der SPD und den Grünen abwenden und ihre Stimme der CDU geben. Linke Zeitungen haben versucht, die Ergebnisse der Studie abzuschwächen und nur die angenehmen Ergebnisse hervorzuheben. Rechte Medien hingegen haben der endaX-Studie prominenten Raum geboten. In Blogs, Postings und Kommentaren wurde ich als Scharlatan beschimpft, mir wurde Manipulation vorgeworfen, man hat mich der Lüge bezichtigt.

Egal, was du tust: Es gibt Menschen, denen Du helfen oder die Du glücklich machen kannst. Gleichzeitig aber enttäuschst Du andere Menschen. Wenn Du jemandem Deine Hand reichst, wird ein anderer hingegen enttäuscht sein. Reichst Du auch ihm die Hand, wird ein Dritter enttäuscht sein. Was machst Du dann?

Was ich sagen möchte: Der Konflikt ist unvermeidlich!

Konsens kann immer nur temporär sein

Unsere wertvollen Ressourcen, die wir besitzen, sollten wir nicht dafür einsetzen, um eine Einheit anzustreben, die wie ein Kartenhaus beim nächsten Luftzug wieder zusammenbricht. Wir sollten unsere Kraft dafür aufwenden, um Regeln, Standards und Konventionen zu schaffen, die uns helfen, unsere Konflikte zu regeln. Denn der Konflikt ist im Gegensatz zur Einheit ein ständiger Begleiter unseres Lebens.

Dir als Juristin, liebe Merve, brauche ich nicht zu erzählen, dass die Verfassung eine definierte Normerklärung einer Gemeinschaft ist, die sich über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte auf diese verständigt hat, die von der Exekutive durchgesetzt und von der Judikative hinsichtlich ihrer Einhaltung überwacht wird. Es gibt über die verfassten Regeln hinaus auch ungeschriebene Regeln, die sich im Zeitgeist, im Selbstbewusstsein oder im wohlwollenden Einvernehmen ausdrücken können.

So viele Menschen, so viele Meinungen

Die Kunst also, die Einheit einer Gemeinschaft herzustellen, besteht darin, ihre Konflikte zu regeln, über welche dann Konventionen und Konsens reproduziert werden können, wodurch eine Einheit geschaffen wird, die gilt, bis der nächste Konflikt eintritt. Dafür benötigen wir „Regeln”, die möglichst von allen – egal ob links/rechts, Alevit/Sunnit, Gläubiger/Atheist, Türke/Kurde usw. – geteilt werden. Dabei müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Wir müssen es nur verinnerlichen und einfach beginnen, diese Regeln zu praktizieren.

Hier ein Vorschlag für einen Anfang: Mein ganzes Handeln dient dem Wohl der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft in ihrer Vielfalt und Andersartigkeit stelle ich niemals infrage. Denn das macht auch keinen Sinn: In einer Gemeinschaft existieren so viele Meinungen und Auffassungen wie sie Mitglieder hat. Grenze ich eine Meinung aus, grenze ich alle aus.

Jetzt stelle ich Dir, liebe Merve vor, diese Regel wird von einem Gülen-Anhänger genauso geteilt wie von einem Milli-Görüş- oder Erdoğan-Anhänger, von einem Aleviten genauso wie von einem Sunniten, von einem Türken wie von einem Kurden. Das wäre doch ein ganz großer Fort-Schritt!  

 [poll id=“4″]

  

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

(Jahrgang 1978) Gründer und Leiter des futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung. Durch die von ihm initiierte Sozialstudie über die türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland (TASD-Studie) hat er national und international Reputation als Trend- und Zukunftsforscher erlangt. Er hat an der Ruhr Universität-Bochum Sozialwissenschaft mit den Schwerpunkten Organisationssoziologie und empirische Sozialforschung studiert. Während und nach seinem Studium arbeitete er in verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen und Beratungshäusern. Zwischen 2010 und 2012 war er Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen. Zwischen April 2009 bis Mai 2012 war er ehrenamtlicher Geschäftsführer der Föderation Türkischer Elternvereine NRW e.V.

1 Kommentar

  1. Andreas Molau
    Andreas Molau on

    Ein vorzüglicher Beitrag zum Thema gelebte Streitkultur. Spricht mir aus dem Herzen!

Die Integrationsblogger