Ukraine: Warum ich im Kalten Krieg 2.0 den Dienst verweigere

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Das vergangene Wochenende und das erfolgreiche und offenbar auf keine Widerstände in der Bevölkerung gestoßene Einsickern russischer Einheiten auf der Krim hält Europa in Atem. Moskau sieht die Maßnahme als friedenssichernd an. Da zu den „Euromaidan“-Kräften, die auf extralegale Weise den gewählten Präsidenten Janukowytsch aus seinem Amt vertrieben hatten, auch rechtsextreme und neonationalsozialistische Kräfte gehörten und zu den ersten Maßnahmen der neuen Regierung die Beseitigung eines Sprachengesetzes, welches die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung schützen sollte, sowie die Ankündigung, die russische Schwarzmeerflotte aus dem Land haben zu wollen, gehörten, hielt es Moskau zum Schutz der russischen Bevölkerung für nötig, Maßnahmen zu treffen.

Man schaffte vollendete Tatsache, wohl damit die ukrainische Armee gar nicht erst auf die Idee komme, Gewalt gegen die russische Bevölkerungsmehrheit in jenem Teil des Landes anzuwenden. Die Situation lässt sich in etwa vergleichen mit der Besetzung Nordzyperns durch die türkische Armee 1974 – und die Folgen könnten ähnliche sein, wobei mit dem ebenfalls stark russisch dominierten Osten der Ukraine ein ähnliches Problem erst noch entstehen könnte. Unklar ist auch, was die de-facto-Besetzung der Krim durch russische Einheiten für das dortige Turkvolk der Krimtataren bedeuten wird. Es ist zweifellos ein Grund zur Sorge, dass nicht nur auf dem Euromaidan ultranationalistische Kräfte eine nicht unerhebliche Bedeutung entfalten, sondern auch extremistische russische Elemente Stimmung machen – die einen behaupten, dies geschehe mit Duldung und Ermunterung durch die Regierung in Moskau, die anderen sehen Schirinowskij und Konsorten als Trittbrettfahrer.  

Die Situation in der Ukraine ist unübersichtlich und äußerst gefährlich. Vor allem mit dem Blick auf künftig mögliche Entwicklungen im Osten des Landes und angesichts einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einer Teilung wäre gerade jetzt Besonnenheit wichtig und eine Offensive der Diplomatie.

Stattdessen aber intensiviert sich auch in unseren Breiten die Hetze zahlreicher Medien, vor allem der Springer-Presse, und man erkennt selbst vor kurzem noch brave Bürger nicht wieder, die plötzlich als Kriegstreiber und mit dehumanisierenden Anspielungen den Hass auf Russland anfachen. Es scheint eine Neuauflage des Kalten Krieges in der Luft zu liegen und als jemand, der in dessen Endphase aufgewachsen ist und in dieser Zeit die frühen Jahre seiner Jugend erlebt hatte, ist das ein Anlass, sich gedanklich zurückzuversetzen.

Das „christliche Abendland“ gegen das „Gottlosentum“

Vor 30 Jahren war es alles noch eine klare Situation und sogar im zarten Alter zwischen 12 und 15 Jahren konnte man so viel schon erfassen: Auf der einen Seite standen Ronald Reagan und die USA als das Bollwerk der Freiheit, das Westeuropa und die Welt vor der Sowjetunion bewahrte.

Und auf der anderen Länder wie die DDR, wo man Menschen willkürlich folterte, im Westen von Killern jagen ließ und an der Mauer erschoss; Rumänien, wo der „Blutsäufer“ Ceausescu nach Belieben Dörfer plattwalzen ließ, um Wohnsilos mit Gemeinschaftsklos zu errichten; und natürlich die UdSSR – in unseren Augen das Reich des Gottlosentums, das die Welt erobern wollte; Menschen verbieten wollte, die Kirchen zu besuchen; wo der Staat Eltern die Kinder wegnehmen und in Heime stecken würde, in denen ihnen der Kommunismus beigebracht würde; welche die Unterminierung der Gesellschaft durch die Ideologie der 68er, die seit den 70ern immer stärkere Sexualisierung des öffentlichen Lebens, die „Friedensbewegung“ oder den Ökowahn steuern und uns auf diese Weise gegen eine Invasion aus dem Osten wehrlos machen würde, um irgendwann einmal den von innen heraus ausgehöhlten Westen übernehmen zu können (hier ein Video, in dem ein Überläufer des KGB schilderte, wie die „Studentenbewegung“ zum Zwecke der Aushöhlung der Moral im Westen als politische Taktik des Kommunismus instrumentalisiert werden sollte). Gut, dass wir dagegen Reagan, Franz Josef Strauß und dann noch Rocky, Rambo und Braddock im Köcher hatten. Denn dass die Masse der westeuropäischen Politiker, die Lehrer und die meisten Mitschüler so knieweich erschien und auf „Hair“ und „La Boum“ abfuhren, statt sich Gedanken zu machen, wie man sich geistig gegen den Kommunismus wappnen könnte, war ein vermeintlich untrügliches Zeichen dafür, wie erfolgreich die Sowjets mit ihrer Wühlarbeit schon waren.

Während selbst die Sozialdemokratie als eine Art fünfte Kolonne galt, die im Kampf gegen den Kommunismus unverlässlich wäre, waren Konservative und sogar politisch sehr weit rechtsstehende Kräfte großteils stark proamerikanisch, die Neutralisten und Blockfreien waren in der Minderheit, der Traum von der deutschen Einheit und Überwindung der Teilung war allen wichtig, aber man wollte sie nicht um den Preis eines Kompromisses mit den Kommunisten. Dr. Gerolf Tittel, der auf dem Ruhstorfer Parteitag der Republikaner für den Bundesvorstand kandidierte, rechtfertigte unmittelbar nach den damaligen Abgrenzungsbeschlüssen sein langjähriges früheres Engagement in der NPD noch 1990 mit den Worten: „Ich bin Christ und habe als solcher das Recht auf Antikommunismus!“

Die Angst vor einer Machtübernahme durch den Kommunismus war sogar noch zu Zeiten von Glasnost und Perestroika latent vorhanden: Man wusste nicht, was die Sowjets im Schilde führten und ob nicht von heute auf morgen ein Putsch wieder die alten Verhältnisse herstellen würde. Ich denke, der Tag, an dem wirklich jeder begriff, dass die sowjetische Bedrohung zu Ende war, war jener, als sich im August 1991 nach nur drei – allerdings sehr angsterfüllten – Tagen der Versuch dreier angeheiterter Generäle, die Macht an sich zu reißen, als Operettenaktion entpuppte. 


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Jg. 1973, ist allein erziehender Vater, freiberuflicher Lektor, Lerncoach und Kommunikationsdienstleister. In diesem Rahmen ist er unter anderem Redakteur beim "Deutsch-Türkischen Journal", Betreuer der Wirtschaftsblogs "Wirtschaft Global" und der "Blickpunkt"-Reihe aus dem Hause der ADMG Publishing Ltd. (Saigon). Er lebt in Bernburg/Saale.

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