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Die französische Flagge ziert zurzeit zahlreiche Profilbilder auf Facebook und erscheint solidarisch auf Internet Plattformen wie Google, YouTube und Amazon. Alle sind erschüttert. Zu Recht natürlich, denn was sich in Paris abgespielt hat, war grauenhaft. Keine Frage. Und während sich die meisten Europäer schockiert zurücklehnten, tief Luft holten und dann ihre Empörung im Netz ausdrückten, saßen europäische Muslime wieder einmal mit gemischten Gefühlen vor den Bildschirmen. Hin und her gerissen zwischen Entsetzen, Mitgefühl, Trauer und Angst.

„Kann ich mich mit meinem Kopftuch überhaupt noch auf die Straße trauen?“ fragten manche. „Sind meine Kinder noch sicher? Was wenn diese verrückten mit Baseballschlägern wieder zuschlagen?“

Viele versuchten ihre Gefühle auszudrücken. Ihren Hass auf die Terrorgruppe die sich selbst „Islamischer Staat“ nennt, und dennoch alles andere als Islamisch ist. Ihre Ängste vor den Hassparolen, Gewaltattacken und Wutanfällen denen sie ausgesetzt sein werden, weil die Welt sie von den Extremisten nicht unterscheiden kann oder will. Ihre Trauer um die armen Opfer in Paris und deren Familien…

Und da war noch ein anderer Gedanke. Einer der sich breit machte im Angesicht der vielen Französischen Flaggen, der Kondolenzposts, der Eiffeltürme und der Aufforderungen für Paris zu beten. Eine Beobachtung die nicht nur Muslime machten. Wie einseitig doch unsere Wahrnehmung ist! Nur einen Tag vor den Anschlägen in Paris starben in Beirut 41 Menschen in einem Terroranschlag durch „ISIS“ (mehr zu den Anführungsstrichen, und wie wir die Gruppe stattdessen nennen sollten, später). Die Terrorgruppe mordet schon seit Jahren in Irak und Syrien unschuldige Menschen. Tausende von Menschen….

Doch es gibt keine Profilbilder mit Syrischen Flaggen. Es gibt kein „Je Suis Beirut“. Wie es ein Post aus den Libanon ausdrückte, „Alle fragen, wie es den Menschen in Paris jetzt geht. Nach uns hat keiner gefragt. Dabei trauern wir auch. Um unsere Toten, und um die in Paris.“

Für viele ist dieses selektive Trauern ein Symptom des Kolonialismus. Den, auch wenn wir zu unserer Verteidigung sagen das es doch ganz natürlich ist, wenn die Attacken auf Europäischen Boden, uns tiefer treffen als welche in fernen Ländern, ist es nicht zu übersehen, dass bei „unserem“ Anschlag die ganze Welt mittrauert. Anteilnahme für Paris ist global, von Gedichten aus Indien, zu Bildern mit Plakaten aus Gaza. Und wer nicht angemessen mittrauert wird beschimpft. Eine Amerikanische Freundin von mir wurde auf Facebook runtergemacht, weil sie auf ihrem Profilbild keine Frankreichfarben hat. Die Solidarität mit Paris wird eingefordert, erwartet, angeboten. Ich selbst werde von Facebook schon seit heute Morgen immer wieder aufgefordert, per Knopfdruck mein Bild in blau-weiß-rot zu tauchen. Und die Aufforderung an normale Muslime sich „zu distanzieren“ oder „was dagegen zu tun“ ignoriert die zahlreichen aussagen Islamischer Organisationen rund um den Globus die sich ganz klar gegen den Terrorismus stellen und ihr tiefstes Mitgefühl für Paris zum Ausdruck brachten.

Aus eben diesem Grund habe ich mich dagegen entschieden den Trend mit der französischen Fahne mitzumachen. Erstens, lasse ich mir nicht vorschreiben, wie ich zu trauern habe. Und zweitens, kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn ich einem Menschenleben mehr Bedeutung und mehr Anerkennung zugestehe als anderen. Entweder ich trauere für alle Opfer der Terrorgruppe, oder ich schweige zu allen. Mein Profilbild ist jetzt ein Globus, für alle Menschen die jetzt in Angst leben müssen, egal ob in Paris, in Beirut, in Syrien, im Irak, im Jemen, in Afghanistan, in Myanmar oder in Gaza. Egal ob Muslim, Christ, Jude oder sonstiges.

IS, ISIS oder besser gesagt „Daesch“

Meine Solidarität gilt auch den Flüchtlingen die dem Terror und dem Krieg in ihrer Heimat entflohen sind, nur um hier als Terroristen beschimpft zu werden. Auch sie sind Opfer des Terrors. Opfer einer vollkommen undurchdachten Außenpolitik der westlichen Welt, und Opfer der Terrorgruppe die aus dem resultierenden Chaos entstand. Ich spreche von „IS“ oder besser gesagt: „Daesch“.

Nach und nach nennen die Politiker die Terrorgruppe nicht mehr nach ihren westlichen Akronym „IS“ oder „ISIS“ sondern nach den arabischen Akronym, „Daesch“. Diese Entwicklung ist für manche erst einmal gewöhnungsbedürftig. Ich hoffe aber, dass sie sich durchsetzt. Und zwar aus zwei Gründen.

Der erste Grund ist dass der Name „Daesch“ im Wesentlichen das Wort „Islamisch“ im Namen, den sich die Terrorgruppe zulegte, ignoriert. Der Akronym besteht aus drei Teilen: Da-, E- und Sch-. Das „Da“ steht für „Dawla“ und bedeutet „Staat“. Das „E“ steht für „Eraq“ also „Irak“ und das „Sch“ steht für „Scham“ also den „Levante“. Obwohl sich die Gruppe „Islamischer Staat des Irak und Levante“ nannte, ignorierte die arabischsprechende Welt von Anfang an den Teil des Namens, der die Gruppe als „Islamisch“ bezeichnete. Dies führt mich gleich zum zweiten Grund, warum ich hoffe, dass sich dieser Name etabliert:

Die gruppe selbst kann diesen Namen nicht ausstehen! Das liegt nicht nur daran dass im Namen das Wort „Islamisch“ nicht vorkommt, sondern auch daran das „Daesch“ nebenher auch ein Arabisches Schimpfwort ist. Es bedeutet so viel wie „zertrampelt“. Manche sagen auch das es Dialekte gibt in denen es „Esel“ bedeutet. Die Terrorgruppe wehrte sich von Anfang an gegen diese Bezeichnung und bevorzugt das Westliche Akronym. Das ist kein Schimpfwort, erkennt sie als „Islamisch“ an und klingt neben her irgendwie stilvoll. „ISIS“ hat was Elegantes. „Daesch“ klingt als müsse man gerade furchtbar niesen.

Nennen wir die Übeltäter also beim Namen. Sie heißen „Daesch“. Und sie sind nicht nur die Feinde der Westlichen Welt. Die nichtmuslimischen Opfer machen einen vergleichsweise winzigen Teil der getöteten Menschen aus, die Daesch auf dem Gewissen haben. Die überragende Mehrzahl der ermordeten Männer und Frauen waren Muslime. Und es sind Muslime die in den betroffenen Gebieten unter deren Herrschaft leiden. Gewinnen können wir nur gemeinsam. Nicht mit Hassparolen. Nicht mit Gewalt. Nicht mit einseitiger Trauer. Sondern mit Solidarität und Mitgefühl für alle Betroffenen.

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About Author

wurde 1978 als Mischlingskind einer deutschen Mutter und eines arabischen Vaters geboren. So lernte sie schon früh den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Sie studierte Anglistik und Sprachwissenschaft und ist ausgebildete English-Lehrerin. In Dubai arbeitete sie als freiberufliche Journalistin und Drehbuchautorin. Heute ist sie Mutter, und schreibt ehrenamtlich für die deutschmuslimische Bildungsplattform, Grünebanane.de. Außerdem wirkte sie als Radiojournalistin für die Integrationskampagne „Perspektive Ausbildung“ mit, und unterrichtet einen Islamkurs für Nichtmuslime, dessen Ziel es ist Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.

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