Wagdy aus Gaza im Interview

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(Fortsetzung von Teil 1)

Im besetzten Gebiet Gaza, in der Stadt Rafah lebt ein junger Mann namens Wagdy, der aufgrund der Not auf der Suche nach einem Job in der Türkei ist. Er möchte seine Familie unterstützen. Die Eltern sind aufgrund einer Krankheit erwerbsunfähig. Er hat sechs weitere Schwestern, welche schulpflichtig sind. Oftmals hat die Familie tagelang nichts zu essen.

All diese Probleme scheinen für uns weit weg und wir können sie oft nicht nachempfinden. Vielleicht können wir das ein wenig durch diesen Text und „Wallah Mansina“, ein Lied von einem palästinensischen Sänger und Qur’an-Rezitierer, auf welchen Palästina stolz sein kann.

Tagtäglich sitzt der junge Mann Wagdy vor dem Computer von seinem Nachbarn und sucht Wege, wie er seine Familie aus der Drangsal herausziehen kann. Er möchte sicherstellen, dass die Familie jeden Tag eine warme Mahlzeit auf dem Tisch hat. Könnt Ihr Euch in die Lage des jungen Mannes versetzen? Nein, das ist nicht leicht. So etwas kann man nur, wenn man es selbst durchlebt hat. Ich kann es leider auch nicht. Ein klein wenig vielleicht. Deshalb fasten Muslime auch, um Menschen wie Wagdy verstehen und nachfühlen zu können. Auch wenn es nur ein Bruchteil dieses Verständnisses ist. Diese Disziplin muss die Familie nicht nur einmal im Jahr während des Ramadan haben, sondern immer, wenn solch eine Situation sie überrumpelt. Und trotz all dieser Sorgen strahlt die Familie eine unglaubliche Wärme und Hilfsbereitschaft aus. Das habe ich hautnah mitkriegen dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn solche Menschen sind wahre Kämpfer und Djihadisten! Nicht, wie wir sie immer kennen, mit einer Kalaschnikow in der Hand und „Allahu Akbar“ schreiend. Das ist nur das Bild der dummen Medien.

Das sind einige grausame Schreckensbilder des Landes.

Doch was ist überhaupt Palästina? Wie leben die Menschen dort? Was ist ihr Alltag?

Das hat mich immer neugierig gemacht. Ich wollte schon lange die Menschen dort kennenlernen. Und deshalb habe ich Wagdy gefragt, ob ich ihn ein bisschen ausquetschen kann. Mit großer Begeisterung hat er sich bereit erklärt, mir zu helfen 🙂 Ich freute mich sehr und hunderte verschiedene Fragen sprudelten wie ein Tsunami in meinen Kopf.

Die Konversation verlief ein wenig schwierig, da Wagdy schlecht Englisch spricht und ansonsten nur Arabisch. Um mit ihm in arabischer Sprache zu kommunizieren, reichen meine Kenntnisse leider nicht aus.

Wie sieht der Alltag in Rafah aus?

Der Tag fängt bei ihm mit dem Morgengebet (Fajr) und dem Rezitierens des Qur’ans an. Danach gibt es Frühstück. Hier möchte ich hinzufügen, dass ich die Küche Palästinas etwas vorstellen möchte, um etwas in die Kultur eintauchen zu können. Deshalb nenne ich Euch einige Beispiele. Das heißt nicht, dass der beschriebene, reichlich gedeckte Tisch, Alltag in der Familie ist. Im Gegenteil! Wagdys Familie ist für jede Mahlzeit Gott gegenüber sehr dankbar.

Zu einem palästinensischen Frühstück gehören Thymian, Olivenöl und Joghurt, Käse, Eier, Almakhalat (eingelegtes Gemüse) und natürlich Oliven. Dazu gibt es z. B. Fatayer Zaatar (Brot mit Thymian). Oder auch Manakish, das übrigens auch gern mittags gegessen wird. Anschließend geht Wagdy eine Runde Joggen. Nach dem Joggen surft er im Internet bzw. sucht nach einem Job in der Türkei. Falls der Strom ausfällt, was in Rafah an der Tagesordnung ist, versucht er zu schlafen oder an der Straße mit Freunden zu sitzen und sich zu unterhalten, weil die Zeit ansonsten nicht vergeht. Das ist alles, was er vormittags machen kann. Danach ist auch schon Zeit für das Mittagsgebet und anschließend sitzt er mit seinen Freunden im kleinen Kreis in der Moschee.

Nach dem Mittagsgebet (Dhuhr) gibt es Mittagessen.

Die traditionelle palästinensische Küche ist sehr kreativ und vielfältig. Gerichte mit Gemüse wie Okra (Bamieh) oder auch Reis mit grünem Pfeffer sind sehr beliebt. Als Vorspeise kann es z. B. Shorbet (Suppe) wie Shorbet Freekeh (eine Art geröstete grüne Weizensuppe) oder auch Shorbet Adas (Linsensuppe) geben. Als Hauptspeise ist Couscous (Maftoul) in Palästina ebenfalls reichlich vertreten, besonders zu Feierlichkeiten. Ebenfalls können auch Arayes (gebackenes Brot mit Lamm, Tomaten und Gewürzen), Maqluba (Gericht mit Fleisch, Gemüse und Reis), Kibbeh Mabroumeh (Bulgur-Hack-Bällchen sozusagen), Malfouf (ähnlich türk. Dolma), Mjadarra (Bulgur mit Linsen) oder auch zum Beispiel Zahra bi tahineh (Blumenkohl in der Tahine zubereitet) gereicht werden. Als Nachtisch kann es Samosa (süße Teigtaschen), Maamoul (Kekse gefüllt mit Dattelpaste, wird auch gern zu Eid (islamisches Fest) gegessen), Qizha (Schwarzkümmelkuchen) oder auch Karawya (Kümmelpudding) geben.

All diese Köstlichkeiten sind für Wagdys Familie eine Besonderheit und keine Selbstverständlichkeit, denn oft gibt es einfach Brot mit Tee, nur Tomaten oder auch einfach nichts, da die finanziellen Mittel für üppige Mahlzeiten leider nicht ausreichen. Sehen wir jetzt den Wert der Speisen, den wir jeden Tag auf dem Tisch haben und wovon die Reste ohne Bedenken in die Tonne wandern? Es ist keine Selbstverständlichkeit. Nein! Jeder Bissen sollte mit Dankbarkeit genossen werden und das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. Unsere Probleme sind nichts dagegen. Wir haben gar keine richtigen Probleme!

Evtl. hält Wagdy nach dem Essen einen Mittagsschlaf oder er nimmt die Jobsuche im Internet wieder in Angriff. Oft schläft er aus Langeweile, um die Zeit zu vertreiben oder den Hunger zu verdrängen.

Nach dem Asr (Nachmittagsgebet) trifft er sich mit Freunden. Hinterher lernt er ein wenig Englisch und Türkisch.

An manchen Tagen besucht er mit seiner Mutter seine Großmutter.

Danach folgt auch schon das Abendgebet (Maghrib).

Manchmal liest er nach dem Gebet Bücher über seine Religion und lauscht den Vorträgen des Imams in der Moschee bis zum Nachtgebet (Ischa’a).

Ebenfalls gehört Fußball zu einen seiner Lieblingsbeschäftigungen. Ein ganz normaler junger Mann also. 🙂

Das Interview mit Wagdy verlief wie folgt:

Gehen Deine Schwestern zur Schule?

Zwei Schwestern gehen inschallah bald zur Universität (wenn sich die finanzielle Lage ändert) und vier Schwestern gehen in die Schule.

Arbeiten Deine Eltern? Wie alt sind sie?

Meine Mutter ist Hausfrau und ist 47 Jahre alt.

Mein Vater kann leider nicht arbeiten, weil er keine findet und gesundheitlich beeinträchtigt ist. Er ist 50 Jahre alt.

Hat Deine Familie Ackerland?

Nein, unsere Familie besitzt kein Ackerland.

Hast Du einen besonderen Bezug zu Olivenbäumen?

Olivenbäume sind etwas sehr Schönes. Ich liebe die Natur. Aber da wir kein Ackerland haben, haben wir auch keine Olivenbäume.

Welche Art Oliven essen die Palästinenser am meisten?

Schwarz und grüne, einfach alles und auf verschiedene Art und Weise. 🙂

Hat Deine Familie ein Haus?

Ja, wir haben ein kleines Haus. Es hat zwei Schlafzimmer, Küche, Bad und einen kleinen Salon.

Hast Du einen Schulabschluss? Was für einen Abschluss haben die meisten?

Ja, Durchschnitt ist es, einen Abschluss in Business Administration (Diplom) zu haben. (Inwiefern man diesen Abschluss mit einem deutschen Abschluss vergleichen kann, konnte er leider nicht sagen. Hier fehlt der Bezug dazu. Ich schätze, das ist ein kaufmännischer Schulabschluss). Ich selbst habe ebenfalls diesen Abschluss. Aufgrund der vielen Bombenanschläge in 2008 konnte ich meinen Abschluss nur schwer bestehen, da viele Menschen gestorben sind und es mich sehr mitgenommen hat.

Ein großer Teil der Palästinenser ist sehr gebildet.

Es gibt ca. 120 000 Hochschulabsolventen in 3 Jahren.

Ich habe auch als Klempner hier in der Umgebung mit meinen Freunden gearbeitet. Seit einem Jahr finde ich leider keine Erwerbstätigkeit.

Müssen die Eltern die Kinder täglich zur Schule begleiten wie in Hebron?

Die Eltern begleiten ihre Kinder manchmal zur Schule, um den Gefahren zu entgehen. Das tun sie natürlich nicht jeden Tag, nur wenn die Situation es nicht anders zulässt, vorausgesetzt es sind keine Kleinkinder. Die Erstklässler werden zur Schule begleitet.

Wie sieht das Bildungssystem aus? Ist es kostenpflichtig?

Die Schulbildung kostet für uns nichts.

Aber die Hochschulausbildung ist nicht kostenlos und es gibt sehr gute Universitäten in Palästina.

Momentan kosten Kurse an Universitäten zwischen 20 – 40 $ pro Stunde. Je nach Kursanzahl multipliziert sich das.

Gibt es eine Quranschule? Wo findet der Unterricht statt?

Ja, es gibt Quranschulen z. B. in Moscheen und dann gibt es noch spezielle Zentren zum Auswendiglernen des Quran. Jeder kann teilnehmen auf freiwilliger Basis.

Wie sieht es mit der Versorgung aus? Lebensmittel? Medizin?

Lebensmittel sind hier im Supermarkt erhältlich oder auch durch die Landwirtschaft zum Beispiel.

Die Hygienezustände in Krankenhäusern sind nicht gerade die besten.

Wo bekommt Eure Familie Medikamente? Sind sie qualitativ gut?

Medikamente bekommen wir von den internationalen Hilfsorganisation, wie z. B. für Kinder oder Standardmedikamente, wie Aspirin, sowie notwendige Präparate für Diabetiker und Asthmatiker. Oft kaufen wir auch Medikamente in der Apotheke.

Hast Du christliche Freunde? Wie leben die Christen in Palästina?

Ich habe keine christlichen Freunde. Nicht weil ich das nicht möchte, sondern weil wir hier nicht viele in der Umgebung haben. Es gibt aber auch Gott sei Dank keine Probleme zwischen palästinensischen Christen und Muslimen. Alle leben in Frieden, Liebe und Verständnis.

Palästinensische Hochzeiten

Mich hätten immer schon palästinensische Hochzeiten interessiert. Wie läuft das ab? Was für Traditionen gibt es? Was für Möglichkeiten haben die Menschen, in Palästina eine Hochzeit zu organisieren, etc.?

Wenn ein junger Mann heiraten möchte, wie läuft das ab? Was hat der Bräutigam zu leisten? Muss er ein Haus kaufen? Was ist mit der Mitgift? Kann die Frau darauf verzichten, wenn sie möchte?

Die Heirat sowie Heiratsvermittlung läuft ganz traditionell ab, wie in anderen muslimischen Ländern auch.

Dabei spielt die Mutter des Bräutigams eine wichtige Rolle. Die Familie des Bräutigams hält bei Heiratsabsicht um die Hand der Braut an. Die Mitgift wird festgelegt und die Hochzeitsfeier sowie der Polterabend werden nach Einigung der Familien organisiert.

Voraussetzung für eine Heirat ist ebenfalls, dass der Bräutigam entweder ein Haus oder eine Wohnung kauft oder mietet. Der Bräutigam muss für die Kosten aufkommen. Viele können leider nicht heiraten, da die Kosten ca. 13 000 $ betragen. In diesen Kosten ist auch das Haus oder Wohnung inklusive Einrichtung mit inbegriffen. Wobei ich hinzufügen muss, dass es auch bescheidene Hochzeiten gibt. Da wird dann nur das Nötigste organisiert. Also die Vermählung in der Moschee zum Beispiel. Wenn kein Geld vorhanden ist, so sind ihnen leider die Hände gebunden. Das Geld muss in erster Linie angespart werden. Ein Durchschnittsgehalt liegt zwischen 300 – 500 $. Hochgerechnet müsste 4 – 6 Jahre gespart werden, um eine Heirat zu ermöglichen. Somit sind viele junge Leute im Alter von ca. 30 Jahren immer noch unverheiratet.

Nach dem Asr-Gebet beginnt die Hochzeitsfeier mit der Abholung der Braut von ihrem Elternhaus. Die Hochzeitsfeier wird für Männer und Frauen getrennt organisiert. Für jedes Geschlecht gibt es einen Extrasaal. Zum Schluss der Feier verabschiedet sich die Familie der Braut von ihrer Tochter.

Des Weiteren war mir nicht wirklich alles ganz klar. Ich wollte wissen, inwieweit die palästinensische von anderen arabischen Hochzeitsfeiern unterscheidet. Also musste sich Wagdy mit weiteren Fragen auseinandersetzen 🙂

Wie wird das Essen organisiert? Gibt es einen Catering-Service oder wird das Essen selbst zubereitet?

Das Essen wird im Hause vom Vater des Bräutigams zubereitet oder auch in einem Restaurant bestellt.

Wie wird die Braut am Tag der Hochzeit abgeholt?

Die Braut wird von der Familie des Bräutigams abgeholt und das Paar fährt dann zusammen zum Hochzeitssaal/Moschee oder andere Räumlichkeiten, die für die Feier vorgesehen sind.

Dabei wird die Abholung von islamischer Musik oder Ähnliches begleitet.

Gibt es spezielle Traditionen nach der Hochzeit?

Am Tag nach der Hochzeit gehen die Familien beiderseits das frisch vermählte Ehepaar besuchen.

Die Feier wird je nach Möglichkeiten der Familie gestaltet. Einige organisieren nur die Trauung, einige nur für Eltern und Freunde. Wer genügend Geld hat, macht eine richtige Feier und dann gibt es da noch die gehobene Schicht, wie Ärzte Ingenieure.

Fortsetzung folgt…

Dieser Artikel erschien auch bei www.tatjana-rogalski.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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