Wagdy: „Jeder sollte andere Kulturen kennen lernen“

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Bildquelle: European Commission DG Echo | CC BY-NC-ND 2.0 | Gaza war Nov2012

(Fortsetzung von Teil 2)

Hast du Möglichkeiten zu verreisen?

Unmöglich kann ich mir eine Reise leisten. Wir sind froh, wenn wir genügend Geld für Lebensmittel haben. Reisen ist für uns sehr schwierig. Ich bin in meinem Leben nie außerhalb von Gaza gewesen.

 

Es gibt nur wenige Menschen, die sich Urlaub leisten können und wenn, dann auch nur Ägypten.

Hast Du Erfahrungen mit anderen Kulturen?

Andere Kulturen kenne ich nur aus dem Radio oder Fernsehen. Ich hatte auch nicht die Möglichkeit, in meinem Leben zu verreisen, um diese hautnah zu erleben. Ich würde aber sehr gerne andere Kulturen kennenlernen. Das ist etwas Wunderschönes und ist viel wert. Ich fürchte aber, dass ich auf Abneigung stoße, da auf der Welt viel gegen Muslime gehetzt wird.

 

(Ich habe ihm hier verdeutlicht, dass es durchaus Menschen gibt, die so etwas sicherlich nicht begrüßen, und dass es auch sehr viele Menschen gibt, die sehr weltoffen, tolerant und interessiert sind).

Wie siehst Du den Rest der Welt (Europa, Amerika usw.)?

Ich kann nicht viel dazu sagen. Den Rest der Welt kenne ich nur aus den Medien.

„Wir reden über die Freiheit auf der Welt, dabei gibt es diese nicht in vielen Regionen der Welt.“

Hast Du Zukunftspläne? Welche wären es?

Ja, natürlich habe ich Pläne. Ich möchte unbedingt in die Türkei und versuche alles Mögliche, um dort einen Job zu finden. Ich würde auch gerne, wenn es geht, dort Wirtschaft und Rechnungswesen studieren. (Lacht!)

 

Sollte ich einen Job in der Türkei finden, würde ich alle möglichen Länder bereisen wollen, wie Deutschland, Schweden, Frankreich oder Belgien.

 

Studieren wäre eine große Bereicherung für mich und natürlich auch das Aneignen von Wissen über meine Religion, den Islam. Meine Mutter wünscht sich, falls ich in die Türkei gehen sollte, dass ich auch ein türkisches Mädchen heirate. 😀 Es würden sich verschiedene Kulturen verbinden, man lernt voneinander usw.- Ich habe sehr viele Träume, viele davon werden leider nur Träume bleiben.

 

Viele Palästinenser würden gerne flüchten, nur leider ist es nicht so einfach. Einen vernünftigen Arbeitsplatz zu finden ist ein Traum von vielen Palästinensern. Einige möchten in die Türkei, wie ich z. B., nur leider, wenn man dann einen Job in der Türkei gefunden hat, kommt ein weiteres Problem: Wo nehme ich das Geld her für die Reise dorthin?

Was hast Du für Unterhaltungsmöglichkeiten in Rafah?

Das Meer, die Berge an der Küste sind zum Beispiel jedes Mal wundervoll.

Gibt es Altenheime in Rafah?

So etwas kennen wir hier nicht. Wir würden niemals unsere Eltern in ein Heim geben. Einer der Gründe ist ganz plausibel: Im Islam sind die Eltern der Schlüssel zum Paradies. Die gütige Behandlung zu den Eltern ist A und O und oberste Priorität.

Wie ist die Infrastruktur? Gibt es da getrennte Gehwege für Palästinenser und Israelis in Rafah?

Momentan gibt es keine Auseinandersetzungen in Gaza. (Stand: April 2014) Es gibt hier auch keine getrennten Gehwege. Durch die Grenze von Gaza ist es aber nur sehr schwer, durchzukommen.

Hast Du ein Handy? Haben viele ein Handy? Wie sieht es mit Fernsehen oder Musik aus?

Ja, es ist ein bescheidenes Telefon wie das Nokia 102. Viele haben solch ein Handy.

 

Es gibt auch einen TV-Kanal für alle. In Sachen Musik, da höre ich nur Nasheed (eine Art islamischer Musik) oder Quran-Rezitation.

Wie viel Geld wird benötigt, um eine Familie wie Eure zu ernähren? Wie hoch ist die Miete? Wie viel Geld wird für Lebensmittel benötigt? Habt Ihr ein Auto? Welche Art Transportmittel nutzt Du?

Für eine Familie wie unsere benötigen wir für Lebensmittel etwa $ 600 im Monat, für die Miete müssen wir $ 250 zahlen. Ein Auto haben wir nicht. Die wenigsten haben ein Auto. Ich nutze meistens den Bus.

Ist Dein Alltag gefährlich?

Momentan ist das Leben in Gaza nicht bedrohlich. Im Jahre 2008 auf dem Weg nach Hause von der Schule habe ich hautnah Explosionen miterleben dürfen. Mir persönlich ist alhamdulillah nichts Lebensgefährliches passiert. (Stand: April 2014)

Hast Du jemals einen Checkpoint gesehen?

In Gaza gibt es keine Checkpoints. Und außerhalb habe ich nie welche gesehen.

Hast Du Erfahrungen in Konflikten zwischen Israelis und Palästinensern (Zivilisten)?

Mit israelischen Soldaten kam ich nie in Konfrontation. Ebenfalls habe ich keine Erfahrungen mit Zionisten gehabt. Das versuche ich auch in Zukunft zu meiden. Mit Zivilisten habe ich auch keine Erfahrungen, da ich keinen Umgang mit Israelis habe.

Gibt es Freundschaften zwischen Palästinensern und Israelis?

Ich persönlich habe es nicht erlebt, dass es Freundschaften zwischen Israelis und Palästinensern gibt oder gab.

 

Palästinenser lehnen diese Art Freundschaften ab, so Wagdy.

Siehst Du oft Bombenanschläge?

Das war zuletzt vor etwa einem Monat in der Nähe unseres Hauses. Es ist etwas sehr Schreckliches und Angst Einflößendes. Alles um mich herum zitterte und wackelte in diesem Moment, wie bei einem Erdbeben. Alles um mich herum brannte und schrie. Wenn ich die Kraft der Bombe mitkriege, gehen mir 100 verschiedene Gedanken durch den Kopf. Ich bete zu Allah, dass keiner verletzt wird.

Was denkst Du über die Medien? Denkst Du, sie berichten die Wahrheit?

Natürlich nicht. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen.

 

Jeder sagt, die Medien sagen nur, das was die Gesellschaft hören soll. Uns wird hier auch vieles vorenthalten. Deshalb bin ich auch froh, durch dich etwas von der Außenwelt mitzubekommen. Das ist eine Bereicherung für mich. Das hat jetzt nichts mit der gestellten Frage zu tun, aber dieses Interview hat mich vieles gelehrt. Ich konnte auch etwas hinter die Fassaden schauen und sehen, was für tolle Menschen es dort gibt. Jeder sollte andere Kulturen kennenlernen und sich dadurch bereichern lassen. Ich hoffe, ich konnte Euch Leser auch wenig hinter die Fassaden blicken lassen. So ist meine Sichtweise aus Rafah. 🙂 As-salamu-alaikum!

 

Wa-alaikum salam!

Mittlerweile hat sich die Lage in Rafah leider Gottes geändert. Wagdy bekommt fast täglich Explosionen und Einschläge mit. Nachts hat die Familie Angst und kann oft nicht schlafen. Es ist erschreckend und trotzdem bleiben die Menschen standhaft, verzweifeln nicht und führen ihr Leben wie gewohnt fort. Das ist meiner Meinung nach wahre Stärke!

Am 06.07.2014 verlor er durch israelische Angriffe zwei Freunde: Eines der Opfer war ein frischvermählter junger Mann, der am Anfang seines Lebens stand und eines ein frischgebackener Vater, der nun seine junge Familie allein hinterlassen muss. Möge Gott diesen Familien und all den anderen in ähnlicher Situation viel Geduld geben. Das ist nun Alltag in Gaza. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen.

Dies war nun die Sichtweise aus Palästina. Wie sieht aber das Land aus der deutschen Froschperspektive aus? Lasst Euch überraschen 

Demnächst bei uns auf I-Blogger

Dieser Beitrag erschien auch bei www.tatjana-rogalski.de

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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