Wahlkampf 2013: Substanzarmes Wortgeklingel voraus

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Andreas Molau

Lektorat und Integrationsblogger

Es ist Wahlkampf. Unübersehbar. Nicht überall, wie mir kürzlich ein Freund aus Schwerin berichtete. Aber dort geschieht, glaubt man Bismarck, ohnehin alles immer viel später. Bei uns jedoch, im Braunschweiger Raum, geht es mittlerweile los. Als ich gestern unterwegs war, muss ich wohl mindestens so verkehrsgefährdend gefahren sein, als hätte ich ein Promille Alkohol im Blut.

Während der Fahrt suchten die Augen immer wieder systematisch die an den Laternenpfählen hängenden Plakate systematisch ab. Erst mal eine Kuh, irgendwas mit „Und Du“. Von der Plakatsprache her müssten das die Grünen gewesen sein. Zu erkennen war das nicht. Dann gab‘s eine hübsche Piratin und bei der FDP konnte man sogar lesen, dass die Mitte gestärkt werden möge und die Liberalen gern auf weitere Schulden verzichten möchten.

So weit, so amüsant, denn mich stören die Plakate nicht – wenn man auch manchmal doch auf mehr Geist darauf hoffen würde. Heute Morgen im Radio aber war im NDR eine andere Art des Wahlkampfes zu vernehmen. Die Grünen oder eine Grüne soll eine Studie gemacht oder veröffentlicht haben – solche Feinheiten gehen zwischen zwei Musiktiteln schnell verloren. Demnach müssten Kassenpatienten auf einen Arzttermin länger warten als Privatpatienten.

Vor Schreck hätte ich mich fast an meinem heißen Kaffee verschluckt. Wirklich?! Das ist ja nun mal was ganz Neues. Das wusste man überhaupt nicht. Privatpatienten werden bevorzugt. Warum mich so eine Meldung trotzdem stört? Mit Goethes Tasso möchte man abgewandelt nach dem Hören dieser Meldung sagen: Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Natürlich, jetzt im beginnenden Wahlkampf positionieren sich die Grünen als soziale Partei, die den Wählerinnen und Wählern genau das sagt, was sie hören wollen. Wer ärgert sich nicht über die Sprechstundenhilfe des Facharztes, die einen bei der Terminanfrage behandelt, als wolle man einen Musterkoffer vorzeigen? Dass es in Deutschland eine Zweiklassenmedizin gibt, ist ein uralter Hut. Man kann das als unabänderlich ansehen, man kann sich trotzdem freuen, dass auch jeder Hartz-IV-Empfänger in Deutschland besser versorgt ist als in den meisten anderen Ländern der Welt. Man kann diesen Umstand kritisieren. Wie auch immer.

Was sich aber verbietet, ist, wenn eine Partei, die selbst lange genug in Regierungsverantwortung gewesen ist und deren ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer nach ihrer politischen Karriere Lobbyistin geworden war, erst diesen Zustand zu ihrer Regierungszeit selbst nicht geändert hat und jetzt rummotzt. Denn auch unter Gerd Schröder musste man als Kassenpatient länger warten denn als privater. Warum also jetzt die „Untersuchung“? Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Und vor allem hat man keine Lust, sich narren zu lassen. Das ist so ähnlich, wie wenn sich die SPD über Überwachungsmaßnahmen der NSA aufregt, die es aber allem Anschein nach unter ihrer Führung im Staat ganz genauso gab. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Die jetzigen Regierungsparteien würden es, säßen sie in diesen Tagen in der Opposition vermutlich genauso machen. Ärgerlich ist, dass Leute, die solche Kampagnen organisieren, die Wähler offenbar für doof halten.

Es ist Wahlkampf. Unübersehbar. Und ich bin gespannt auf die ersten richtigen Argumente derjenigen, die die Geschicke unseres schönen Landes für die nächsten vier Jahre ganz oben lenken wollen. Ganz oben, das sollte man nie vergessen. Denn was wirklich läuft, das geschieht im ganz normalen Leben – in den Schulen, Betrieben, Kirchen, Familien. Ganz frei und ohne Wahlkampf.

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Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

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