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Der bayrische TV-Sender „BR” stand kürzlich ganz schön in der Kritik. Grund dafür war ein kleiner Halbmond, der zum Ramadan auf dem Bildschirm eingeblendet wurde, um die Ramadan-Themenserie anzuzeigen. Auf der Facebook-Seite des Senders fingen prompt die Beschimpfungen an. Muslime seien schlimmer als die Pest, hieß es unter anderem von erbosten Konservativen. Aber solche Hassparolen ist man ja heutzutage fast schon gewöhnt, wenn sie auch immer noch sehr wehtun. Viel interessanter waren die Einwände, der Halbmond sei doch ein religiöses Symbol.

Dass „öffentlich“ gleich „neutral“ sein soll ist ja kein neues Thema. Aber was heißt hier eigentlich „neutral“? Wenn ich jedes Jahr bereits Monate vor Weihnachten auf ein christliches Fest vorbereitet werde, ist das neutral? Oder, wenn mein Kind jeden Sonntag eine Kinderserie geboten bekommt, in der ein Engel sich um die Bedürfnisse einer Kirchengemeinde kümmert, oder eine Zeichentrickserie, in der eine Gruppe Kinder durch die Bibelgeschichte reisen. Ist das neutral? Ist es neutral, dass ich jedes Jahr um Ostern herum die gleichen religiösen Filme zu sehen bekomme?

Das soll keine Beschwerde meinerseits sein. Weihnachten, Ostern und Co sind Teil der deutschen Kultur, und so sehe ich das auch. Es stört mich nicht wirklich. Ich schaue dann halt weniger Fernsehen. Es würde mir nicht im Traum einfallen, jemandem seine Kultur zu verbieten. Als religiös neutral kann man das jedoch nicht betrachten. Es ist ganz klar christlich. Da stellt sich natürlich die Frage, wenn wir von öffentlich rechtlichen Sendern Neutralität erwarten, warum akzeptieren wir eine eindeutig christliche Neigung?

Das Christliche als das „Neutrum”

In Deutschland gilt zurzeit das Christliche als das Neutrum. Solange wir alle so aussehen, als könnten wir Christen sein, ist offenbar alles in Ordnung. Aber eine Frau mit Kopftuch, eine jüdische Kippa oder ein Turban,…: Das eckt an. Das ist nicht akzeptabel. Denn neutral ist, was nicht auffällt. Weihnachtsmänner, Osterhasen, Jesuscartoons, die fallen nicht auf. Sie sind christlich. Alles in Ordnung. Ein Halbmond; das geht nicht, das ist religiös!

Nun werden manche sagen. Ja, ja, aber Deutschland ist nun mal ein christliches Land. Und genau da liegt ein Denkfehler. Deutschland ist vor allem ein demokratisches Land. Das bedeutet, dass alle hier Lebenden ein Mitspracherecht haben. Die Bürger dieses Landes sind aber eben nicht alle Christen. Es gibt vielmehr zunehmend Atheisten, Juden, Buddhisten, Hindus, Muslime und vieles mehr. Müssen wir dann nicht irgendwann neu definieren, was wir eigentlich als „neutral“ betrachten?

Wirkliche Neutralität geht

Ich bin in den Vereinigten Emiraten auf eine internationale Schule gegangen. Über 70 verschiedene Nationalitäten waren dort vertreten. Sowohl unter den Schülern als auch unter den Lehrern war es selbstverständlich, dass man den jeweiligen Personen ihre Herkunft und ihren Glauben ansah. Ob roter Punkt auf der Stirn, Turban, Kopftuch oder Kreuz um den Hals alles war vertreten. Und keinem störte es, denn die Schule war wirklich neutral. Bei uns hieß neutral nicht, dass alle gleich aussehen müssen, sondern dass alle die gleichen Rechte haben. Eine neutrale Schulleitung hieß, dass ich kein Privileg zu erwarten habe nur, weil ich ein entsprechendes Kleidungsstück trage oder eben weglasse. Es bedeutete, dass die Lehrer keine Partei ergriffen. Dass die Lehrerin mit Kopftuch zwar offensichtlich Muslima ist, ihren Glauben aber nicht predigen darf und alle Schüler, auch die ohne Kopftuch, gleich behandeln muss.

Wir Schüler sahen es als selbstverständlich, dass unsere Leistung wichtig ist, nicht unsere Herkunft. Und wir waren alle anerkannt. Egal ob Schwarz, Braun oder Weiß. Egal ob Schlitzauge oder blaue Augen. Egal ob die Haare verdeckt sind, weil man Muslima ist, oder weil man Sikh ist. Egal ob man ein Kreuz trägt oder ein Peace-Symbol. Der Schule war das gleich, denn die Schule war neutral.

Vielfalt ohne Wertung

Diese Form von Neutralität ergibt für mich mehr Sinn. Sie lässt Unterschiede zu und fördert Vielfalt, ohne Partei zu ergreifen. Und ist es nicht das, was wir von einer Demokratie erwarten? Eben nicht, dass eine Bevölkerungsgruppe zum Neutrum ernannt wird, das alle anderen nachzuahmen haben, sondern dass alle Bevölkerungsgruppen berechtigt sind, ihre Eigenheiten zu leben? Immerhin müssen wir sogar Leute wie PEGIDA ertragen, weil auch sie ein Recht darauf haben, ihr „Rechts sein“ zu praktizieren, solange sie damit niemanden schaden. Erst, wenn wir in der Lage sind, Unterschiede als selbstverständlich zu akzeptieren, können wir tatsächlich von einer Integration unserer neuen Mitbürger sprechen. Solange sie als „die anderen“ negativ auffallen, sind sie eben nicht Teil unserer Gesellschaft. Solange wir ihr Anderssein verbieten müssen, um es nicht im öffentlichen Raum sehen zu müssen, haben wir sie nicht wirklich bei uns aufgenommen.

Vorbild Patchwork-Familie

Integration in einem Land ist nicht anders als das Zusammenwachsen neuer Familienmitglieder in einer Patchwork-Familie. Wenn Anna Vegetarierin ist, Klaus auf Fußball steht und Aisha Trompete spielt, müssen die Eltern die Bedürfnisse ALLER Kinder berücksichtigen. Sie können nicht den ganzen Haushalt zu Vegetariern machen nur, weil Anna es so will. Sie können nicht das Haus in einen Fußballfanklub umwandeln nur, weil Klaus das toll findet. Und Aisha kann nicht rund um die Uhr Trompete üben. Gleichermaßen kann keiner Anna zwingen, Fleisch zu essen nur, weil die anderen es tun. Klaus hat ein Recht darauf, dass seine Leidenschaft in seinem Zuhause auch sichtbar ist. Und Aisha braucht einen Raum oder eine Zeit, in der sie ihre

Leidenschaft ausreichend ausüben kann. Es ist nicht immer einfach, alle Bedürfnisse unter einem Hut zu bekommen und alle Beteiligten müssen bereit sein, den anderen ihre Eigenheiten einzugestehen. Solange einer seine Präsenz unterdrücken muss, kann dieser sich nicht als Teil der Familie fühlen. Sagen wir Anna: „Sorry, aber wenn es Schnitzel gibt und Du das nicht essen willst, ist das nicht unser Problem. Wir sind eine Fleisch essende Familie!“, wird sie sich ausgegrenzt fühlen. Sagen wir Klaus: „Sorry wir können Fußball nicht leiden und wollen Deine blöden Fanartikel hier nicht sehen. Versteck sie gefälligst irgendwo! Und Fußball gucken ist nicht!“, wird er sich nicht wie zu Hause fühlen. Wenn wir Aisha sagen: „Dein Tröten nervt, ab sofort musst Du Fußball gucken und Trompeten darfst Du nur noch in der Schule. Hier bei uns ist das nicht willkommen!“, wird sie nicht das Gefühl haben, dass ihr Glück als Familienmitglied dem Rest der Familie wichtig ist.

Ebenso können wir nicht erwarten, dass Minderheiten in einem Land sich vollends, mit Stolz und Überzeugung als Deutsche sehen, wenn ihre Eigenheiten als fremd, unerwünscht und unpassend hinter einen Vorhang versteckt werden müssen, um das Bild des deutschen Neutrums nicht zu verändern. Wenn wir darauf bestehen, dass alles so auszusehen hat wie vorher. Dass nur die Ursprungsbevölkerung präsent sein darf und man dem öffentlichen Raum nicht ansehen darf, dass wir jetzt neue Mitglieder haben, dann bleiben die Neuen fremd. Was wäre, wenn wir zu Hanukkah einen Davidstern sehen würden, zu Ramadan einen Halbmond und zu Ostern ein Kreuz? Wäre das so schlimm?

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About Author

wurde 1978 als Mischlingskind einer deutschen Mutter und eines arabischen Vaters geboren. So lernte sie schon früh den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Sie studierte Anglistik und Sprachwissenschaft und ist ausgebildete English-Lehrerin. In Dubai arbeitete sie als freiberufliche Journalistin und Drehbuchautorin. Heute ist sie Mutter, und schreibt ehrenamtlich für die deutschmuslimische Bildungsplattform, Grünebanane.de. Außerdem wirkte sie als Radiojournalistin für die Integrationskampagne „Perspektive Ausbildung“ mit, und unterrichtet einen Islamkurs für Nichtmuslime, dessen Ziel es ist Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.

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