„Then They Do“ – Wenn die Morgen still werden (DIB-Fortsetzungsroman Teil VII)

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„Du freust dich schon ziemlich darauf, nach Richmond Hill zu gehen, nicht?“, fragte mich mein Vater.

„Ja, natürlich. Endlich werde ich etwas von der Welt sehen. Hier kriegt man ja nicht mit, was da draußen vorgeht.“

Er lächelte und klopfte mir beim Hinausgehen auf die Schulter.

„Soll ich dir beim Packen helfen, Emily?“, fragte mich meine Mutter, während sie den Wasserhahn aufdrehte, um das Spülbecken zu füllen.

Ich verdrehte die Augen und antwortete: „Ich schaff das schon irgendwie.“

Sie machte sich zu viele Sorgen. Ich hoffte, dass es sich bald legen würde. Ich zog nicht in das Weltall, sondern nach Richmond Hill. Aber ich konnte sie verstehen. Ich war ihr einziges Kind und sie wollte nur das Beste für mich. Meine letzten Tage zu Hause sollten so angenehm wie möglich verlaufen. Nicht, dass sie es nicht wären! Außerdem sie wollte so viel Zeit mit mir wie möglich verbringen und das würde ich ihr nicht nehmen wollen.

„Wenn du Lust hast, kannst du mir auch helfen oder einfach nur zuschauen, wie ich mich quäle. Es macht dir sicher Spaß.“ Ich sah ihre Augen aufblitzen. Sie freute sich und ich mich ebenfalls.

„Ich komme, sobald ich hier fertig bin, du kannst schon mal anfangen, wenn du magst.“

Die Betonung lag auf „wenn du magst“, das hieß so viel wie „Fang bloß nicht ohne mich an“. Also vertrieb ich mir die Viertelstunde mit dem Lesen des Romans, noch mal von Beginn an, da ich heute Nacht ohnehin nichts davon begriffen hatte.

Das Packen verlief überraschender Weise ziemlich erfolgreich. Ich hatte mehr in die zwei Koffer hinein bekommen, als ich mir erträumt hatte. Dank der Hilfe meiner Mutter natürlich. Nun standen sie vor der Tür und warteten darauf, nach Richmond Hill befördert zu werden.

Ein letzter Blick aufs Zimmer

Ich betrachtete mein Zimmer zum letzten Mal. Jedes kleinste Detail wollte ich in Gedanken mitnehmen. Mein Zuhause war mir das Liebste an Wibaux. Nichts würde ich hier mehr vermissen, meine Eltern inbegriffen. Doch nun stand ein neuer Lebensabschnitt vor der Tür und darauf freute ich mich sehr.

Zum letzten Mal widmete ich noch meinem geliebten Bücherregal einen Blick, meinem noch halb gefüllten Schrank und meinem Telefon, dieses würde ich in Richmond Hill nicht unbedingt brauchen, da ich ohnehin die meiste Zeit über mit Munirah an der Strippe gehangen hatte und uns nun nichts mehr trennen würde.

Meine Mutter hatte mir versprochen, bei jedem Besuch etwas von meinen Sachen mitzubringen, als ich sie beim Packen nervte und nörgelte.

„Auf Wiedersehen, mein Zimmerchen!“ sagte ich etwas traurig. Ich seufzte.

Seit heute Morgen gaben meine Eltern vor sich ebenfalls zu freuen, doch ich wusste, dass sie innerlich von Schmerz erfüllt waren, ihr kleines Töchterchen zu verlieren. Nun stand das Haus für sie frei, aber irgendetwas würde fehlen. Wie es Trace Adkins in seinem Song „Then They Do“ beschreibt. Jetzt waren sie eines jener Ehepaare, die darauf warteten, Großeltern zu werden. Darauf könnten sie lange warten. Ich hatte nicht so bald vor, Mutter zu werden. Erst einmal müsste ich den potenziellen Ehemann dafür finden und das würde wohl eine Menge Zeit in Anspruch nehmen.

Großer Empfang

„Emily, kommst du? Munirah ist bereits unten und wartet mit ihren Eltern“, schrie meine Mutter mit übertriebener Ungeduld. Sie hatte immer Angst, zu spät zu kommen, besonders zu so einem wichtigen Flug

„Ja, Mum, ich komme sofort.“

Munirah und ihre Eltern, Rashid und Elaine Gholam: Die ganze Familie schien die eingeschränkte Sehfähigkeit zu vererben, denn alle trugen sie Brillen, der kleinen Bruder Rahim eingeschlossen. Er hatte dieselben dunklen Löckchen wie Munirah. Mit diesen runden kleinen Brillen sah er süß aus. Besonders, wenn er lächelte und seine Grübchen zum Vorschein kamen. Diese hatte er von seiner Mutter geerbt. Beide Kinder hatten ein rundes, nettes Gesicht. Sie strahlten vor Freundlichkeit.

Er redete erstaunlich viel für seine zwei Jahre. Aber so wie die Schwester es war, konnte ich mir vorstellen, dass auch Rahim sehr intelligent sein sollte. Ihre Eltern schienen die Zeit vergessen zu haben, denn sie kleideten sich immer noch wie Hippies und hatten ein Faible für Indianer.

Elaine trug manchmal, passend zu ihrem Look, kleine süße Federn in ihrem dunklen lockigen Haar. Sie war klein und üppig. Die Kinder waren eine prächtige Mischung beider Elternteile.

Rashid war groß gewachsen, hatte eine gerade lange Nase, sein dichtes, schwarzes Haar verstärkte sein autoritäres Auftreten. Ein wenig fehlte noch. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich hatte den Stammeshäuptling persönlich vor mir stehen. Sie waren einfach so fasziniert von diesen ganzen Sachen, wie ich von Ägyptologie. Allerdings kleidete ich mich nicht wie Kleopatra.

Nun jetzt war die Zeit gekommen, auch von ihnen Abschied zu nehmen.

Was unausgesprochen blieb

Heute war ich sportlich gekleidet, da wir eine lange Reise vor uns hatten. Noch einmal schaute ich in den Spiegel, beäugte meine sportliche Silhouette, atmete tief durch, ging hinüber zum Nachttisch, nahm meine rote Tasche, die als Handgepäck diente und ging hinaus zur Ausgangstür, wo meine Mutter bereits auf mich wartete.

Mein Vater war schon unten, um die Gholam-Familie zu begrüßen.

Soweit ich mich erinnern konnte, machten sich alle in der Schule über uns lustig, aber für uns war das ein Zeichen: ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Von der ersten Klasse an hatten wir alles zusammen gemacht. Für die anderen waren wir Schneewittchen und Pocahontas.

Meine Mutter legte mir ihren linken Arm auf die Schulter und wir gingen langsam nach unten. Sie war besonders langsam, um jenen Moment hinauszuzögern.

Sie formte ihre Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, doch dann überlegte sie es sich anders und blieb still. Ich konnte mir schon vorstellen, was es war. Ach, ihre sorgenvollen Augen würde ich vermissen und ihre Fürsorglichkeit ebenfalls.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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