Emily: Wie sag ich’s meinem Vater? (DIB-Fortsetzungsroman Teil III)

1

Ich dachte mir, das Bild hätte sich zwischenzeitlich geändert, aber es war immer noch dasselbe. Mehr Beachtung schenkte ich ihm jedoch nicht. Munirah hatte Recht, solche Art Beziehungen bringen‘s einfach nicht.

Ich ging hoch in mein Zimmer, blieb in dessen Mitte stehen und dachte über die mögliche Reaktion meiner Eltern nach. Jetzt wollte ich nur noch für mich allein sein. Ihnen würde ich alles später erklären. Ich wusste, der Schock würde sie wie ein Schlag treffen. Nun war ihr perfekter Traum geplatzt. Und ich, die brave Emily, habe ihn kaputt gemacht. Aber irgendwann würden sie sowieso feststellen, dass er nichts für mich war. Besser jetzt, als später!

Innerlich war ich ruhig. Anscheinend hab ich die ganze negative Energie unten im Auto gelassen. Das war auch gut so. Hier oben musste sie mich nicht auch noch belästigen. Jetzt musste ich mich auf mein neues Kapitel konzentrieren: Richmond Hill. Ich malte mir aus, wie wir mit Munirah abends über die täglichen Ereignisse kichern und uns gegenseitig die Bücher aus den Händen reißen würden. Sie war auch so eine Buchfanatikerin wie ich. Man entgleitet dem alltäglichen Stress und verfällt in eine Traumwelt voller Mythen und Legenden. Wie die Liebe zum Beispiel. Dort gab es sie wirklich.

Manchmal stellte ich mir vor, ich wäre eine dieser Personen, denen so etwas Wundervolles widerfahren war. Aber sobald ich ein Buch weglegte, wusste ich, dass es nur Fiktion war. Nichts weiter! Man würde vielleicht jemanden finden, den man mag, aber solche überirdischen Gefühle waren einfach irreal.

Mein nächster Khaled-Hosseini-Roman wartete schon auf dem Nachttisch neben dem Telefon. Nichts geht über seine Romane. Er war mein Lieblingsschriftsteller. Er verstand es, die Leser in diese Traumwelt zu versetzen, wenn es auch oft eine traurige war. Rechts neben der Couch hatte ich meine Sammlung seiner Romane in einem Kirschbaumbücherregal stehen. Diese müsste ich leider hier zurücklassen. Ich konnte unmöglich solch eine Last mitnehmen.

Der Super-GAU war eingetreten

Plötzlich hörte ich unten die Haustür knallen. Ich hörte das Trampeln von Füßen auf der Treppe und dann näherten sich die Schritte meinem Zimmer. Oh, nein, bitte nicht! Hoffentlich ist mein Vater nicht Tony über den Weg gelaufen – das wäre jetzt die reinste Folter!

Es klopfte an meiner Zimmertür. Ich schnappte nach der Fernbedienung auf dem Nachttisch, schaltete schnell den Fernseher ein, der inmitten des Kirschbaumregals integriert war, rannte schnell zur Couch, warf mich drauf, sodass es nach einer Entspannung aussah und mimte mit angestrengtem Gesichtsausdruck, intensiv die Nachrichten zu verfolgen.

„Schatz, bist du da?“, fragte die sanfte Stimme meines Vaters. „Ja, Pa. Komm rein.“

Jetzt musste ich mich den Folgen meines Entschlusses stellen.

Die Tür öffnete sich und mein lieber Vater stand im Türspalt, während er sich auf die Türklinke stützte.

Er sah besorgt aus und kratze sich mit dem rechten Daumen die Stirn. Seine dichten Augenbrauen waren zusammengezogen. Ich wusste schon, dass er innerlich nach Antworten suchte.

„Was ist los? Konntest du heute nicht so viele Autos verkaufen? Aber ist doch eigentlich kein Wunder. Alle 1100 Einwohner Wibauxs haben doch mittlerweile schon ein fahrbares Untergestell. Meinst du nicht, der Tag würde irgendwann kommen?“ spottete ich, um ein Thema anzuschlagen, das ihn vielleicht ablenken könnte. Vergeblich! Er liebte seinen Beruf als Automobilkaufmann, aber in seinen Augen sah ich jetzt nur Fragezeichen.

Er hatte ihn gesehen. Das stand außer Frage. Nur, was hatte der Blödmann ihm erzählt? Hat er über mich gelästert? Über meinen Ausraster berichtet? Würde mein Vater, James, ihm diese Aneinanderreihung von Handlungen, die ich gerade gesetzt hatte, glauben? Schließlich kannte er mich schon 19 Jahre lang und so etwas konnte er sich bestimmt nicht vorstellen. Oder doch?

Ich war die Ruhe in Person. Normalerweise zumindest. Er machte sich bestimmt Sorgen, denn wenn ich derartig ausrastete, müsste da schon mehr dahinter stecken. „Schätzchen… möchtest du… mir irgendetwas erzählen?“, fragte er mich mit einem besorgten Unterton.

Oh je, was hatte ihm der Freak erzählt? Ich konnte es mir schon bildlich ausmalen. Tony wedelte aufgeregt mit den Händen, während er jedem Blick meines Vaters auswich. „Das war ja unglaublich. Wir haben uns immer so gut verstanden und sie überfällt mich wie eine Furie. Immer habe ich sie mit Herzensgüte behandelt. Ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Sie auf meinen Händen getragen. Aber ich weiß natürlich, dass Sie nichts dafür können. Ich werde schon darüber hinwegkommen. Irgendwie! Meinen Eltern wird es das Herz zerbrechen, aber damit müssen wir alle leben. Leider! Alles war so wunderschön. Ich weiß wirklich nicht, was ihr über die Leber gelaufen ist?“

Oh ja, diese Tour hatte er ganz gut drauf. Was für ein charmanter und sentimentaler junger Mann. Von wegen, wenn sie nur wüssten…

Die Browns sind gute Freunde meiner Eltern und das soll jetzt nicht auf dem Spiel stehen. Das war es nicht wert! Wie sollte ich es nur verhindern?

„Pa, es ist alles in Ordnung. Wirklich!“

Ich hatte ihn nicht überzeugt, denn er zog seine Augenbrauen hoch. Sein besorgter Blick verschwand nicht aus seinem kantigen Gesicht.

Der Augenblick der Wahrheit

„Hatte er dir was getan? Wenn es so ist, dreh ich ihm den Kopf ab. Du brauchst es mir nur zu sagen. Ich lasse nicht zu, dass jemand meinem Mädchen was antut. Es spielt keine Rolle, wessen Sohn er ist. Ich hab nicht einmal erlebt, dass du jemanden anschreist, dafür kenne ich dich zu gut. Es muss schon ein triftiger Grund sein. Erzähl es mir.“ Sein Blick verfinsterte sich.

Ich sah schon seine Fäuste aggressionsgeladen. Dann besann er sich, ließ die Türklinke los, kam zu mir herüber, setzte sich neben mich auf die Couch, entfaltete mühsam seine geballten Fäuste und legte mir seinen rechten Arm auf die Schulter.

Jetzt hatte ich ihm noch größere Sorgen bereitet, als ich befürchtete und das musste ich schleunigst aus der Welt schaffen.

„Oh, nein, nein. So ist es nicht. Er hat mir nichts getan. Mach dir keine Sorgen. Es ist nichts passiert. Es ist nur…“

Oh, oh! Jetzt war der Moment der Enttäuschung gekommen. Der Musterknabe, Tony Brown, war in Wirklichkeit ein klumpiger Kotzbrocken, der jedem im Hals stecken blieb, wenn man ihn raus haben wollte. Was für ein Verlust!

„Emily, was ist los? Bitte sag es mir. Es wird alles gut werden. Du kannst mir alles erzählen. Ich werde versuchen es zu verstehen.“ Ja, das würde er wirklich tun. Er war immer verständnis- und liebevoll. Das war mein Vater. Immer hatte er ein Ohr für mich und meine Mutter.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

 Dieser Beitrag wurde auch bei tatjana-rogalski.de veröffentlicht.

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

1 Kommentar

  1. Pingback: Ich wollte nicht ins Nelson’s Inn... (DIB-Fortsetzungsroman Teil II)

Die Integrationsblogger