Wieso es nicht immer gesund ist, ein „Integrierter” zu sein

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Foto: Stephan Röhl / Flickr.com

Mich mit dem absurden Gedanken “Wie gut es denen geht, die “nix” verstehen” ertappend, blicke ich den im Erholungspark laufenden Hund an. Nicht, dass der Anblick eines Hundes mir ungewohnt erscheinen oder ich den Intellekt des Hundes anzweifeln würde, nein, es ist eher das Herrchen, das mich ein bisschen irritiert. Neben einem Stein, auf dem die Worte “Hunde bitte anleinen!” eingraviert waren, seinem nicht angeleinten Hund mit einer Leichtigkeit dabei zuzusehen, wie dieser das große Geschäftchen erledigt, erweckte der Mann eine in meiner Kindheit erlebte Anekdote in mir wieder ins Leben.

Mir kam das von dem Gebrüll und den Beleidigungen eines selbsternannten “Rasenaufsehers” erschrockene Gesicht eines kleinen Kindes ins Gedächtnis. Der “Rasen-Aufseher” erteilte dem Kind eine Lektion in Erdkunde. Es war der Zeitpunkt gekommen, in dem der Junge seine unrühmliche Herkunft aus Anatolien offenbart bekommen sollte. Völlig schockiert rannte der Junge nach der “sehr höflichen” Frage des “Rasenaufsehers”, ob es denn üblich wäre, in Anatolien auf den Rasen zu pinkeln, zu seiner Mutter. Ob der schockierte Junge daraufhin bei der Mama empört die Wahrheit über seine Herkunft erfragt hat oder nur Schutz gesucht hat, konnte ich aus der Distanz nicht mehr richtig wahrnehmen.

Ich zum Beispiel habe über meine Herkunft erstmals in einem Alter erfahren, wo ich es viel leichter als der kleine Junge verarbeiten konnte. Infolge Falschparkens wurde mir durch einen Passanten indirekt – vielleicht nur aus Höflichkeit – in diesem Fall durch eine Berufsbezeichnung meine Herkunft mitgeteilt. Ich sollte ein “Kameltreiber” gewesen sein. Sodann konnte ich kraft eigener Forschung endlich die geografische Grenze meines Herkunftsgebietes einordnen. Es musste entweder in Nordafrika oder in Asien liegen, wobei Asien die wahrscheinlichere Option darstellte weil meine Eltern sich mit mir in einer Sprache unterhielten, die man gewöhnlich als Türkisch bezeichnete.

Ganz nebenbei noch: Auf die letzte Form der Herkunftsmitteilung war ich ganz schön stolz gewesen. Der Polizeibeamte wandelte auf den Spuren Shawn Spencers und erkennte geradezu telepathisch, dass ich in der Türkei meinen Führerschein gemacht hatte und er wies mich netterweise auch darauf hin, dass in Deutschland andere (Verkehrs-)Regeln gelten. Über diese neugewonnen Informationen war ich sehr erleichtert, zumal sie sich inhaltlichungefähr mit den vorangegangen Herkunftsmitteilungen deckten.

Ich muss ein Türke sein, eine andere Möglichkeit ist ausgeschlossen, dachte ich mir angesichts der zahlreichen neu gewonnenen Erkenntnisse.

Wie man sieht, geben sich freundlicherweise viele Menschen in unserer Gesellschaft enorme Mühe, um anderen Leuten Gewissheit über ihre Abstammung zu verschaffen. Natürlich haben sich noch schlauere Menschen daran gemacht, die schon existierenden Begriffe wie “Kanake” oder “Kameltreiber” durch noch spezifischere Begriffe zu erweitern. Für Kriminalfälle wurde der Begriff “Döner-Morde” erfunden, für die Statistik “Kopftuchmädchen” und für die exakte Definition von Deutschen der Begriff “Deutsch-Türke”.

Zumindest können die sprachliche Integration und das Verstehen der deutschen Sprache in manchen Fällen zu massiven psychischen Störungen mit der Folge einer gespaltenen Persönlichkeit führen. Es wäre vielleicht doch besser, in einigen Fällen “nix” zu verstehen.

In der Hoffnung, irgendwann nichts als nur ein Deutscher zu sein, verbleibe ich…

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Jahrgang 1976, Unternehmer und Blog-Autor. Studiert nebenberuflich Politikwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er lebt in der Ruhrgebietsstadt Essen.

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