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Die Türkei steht genau in diesen Wochen vor einer sehr entscheidenden Phase welchen Weg sie für die nächsten Jahre und wahrscheinlich auch Jahrzehnte gehen möchte und wird: Am 07. Juni 2015 wird ein neues Parlament gewählt, bei der die konservativ-islamische AKP versuchen wird ihre absolute Mehrheit zu halten und evtl. sogar zu überbieten, um auch in den nächsten 4 Jahren alleine zu regieren, wie es schon seit November 2002 ist.

AKP und Wirtschaftsaufschwung

Der jetzige Präsident und damalige Premierminister und Regierungschef R. T. Erdogan sieht eine Verbindung

zwischen dem Erfolg seiner Partei und der Entwicklung in der türkischen Wirtschaft, die nun eine der dynamischsten und stärksten der Welt sein soll durch die Errungenschaften in den letzten zwölf Jahren. Nun ist es kurz vor der Wahl sinnvoll einen genaueren Blick auf die Statistiken zu werfen und eine Analyse der aktuellen wirtschaftlichen Lage vorzunehmen anhand einiger Indikatoren.

Hinter dem Wechselkurs steckt nicht nur der numerische Kurs zudem 2 Währungen gewechselt werden, sondern auch die Bedeutung einer Währung kann anhand dieser ausgemacht werden: Bei einem steigenden Wechselkurs fällt der Wert der einen Währung gegenüber der anderen Währung und es muss mehr Geld aufgebracht werden, um eine Einheit der anderen Währung zu erhalten. Der Wechselkurs zwischen der türkischen Lira (kurz: TL) und dem US-Dollar (kurz: $) ist im November 2002 bei einem Wechselkurs von 1$ gleich 1,67 TL gewesen und steht heutzutage – im Mai 2015 – bei 1$ gleich 2,71 TL. Dies bedeutet beispielsweise, dass Personen und Unternehmen, die Produkte aus den USA oder in US-Dollar notierte Produkte (auf dem Weltmarkt gilt fast ausschließlich der US-Dollar als Leitwährung) kaufen wollen, heute das 1,62-fache, also 62% mehr zahlen müssen für das selbe Produkt im Vergleich zum Jahr 2002. Dies bedeutet also eine Mehrbelastung für die Menschen und Unternehmen, hat aber auch eine politische Dimension: Die Bedeutung und die Wichtigkeit der TL ist in den letzten 12 Jahren stark gefallen im Vergleich zum Dollar und genauso auch gegenüber dem Euro, sodass nun mehr TL aufgebracht werden müssen, um eine Einheit der Fremdwährung zu erhalten, ist somit der Preis der Fremdwährung für die TL-Besitzer gestiegen. Die selbe Entwicklung lässt sich auch am Euro-TL-Wechselkurs aufzeigen, worauf ich an dieser Stelle verzichte.

Eine Steigerung von mehr als 300%

Eine Errungenschaft auf wirtschaftlicher Basis, auf die die AKP-Regierung stolz ist, ist die vollständige Begleichung des IMF-Kredits, denn die Türkei beispielsweise unter der Çiller-Regierung und dann auch der Ecevit-Regierung aufgenommen hat. Dies ist soweit richtig, denn die Türkei hatte im Jahre 2002 noch eine Schuldenlast von etwa 24 Milliarden $, die sie mit der Bezahlung der letzten offenen Rate im Mai 2013 beglichen hat. Doch woher kamen diese finanziellen Mittel? Zu einem großen Teil wurde dies und auch der starke Rückgang der Staatsschuldenquote (wird in Relation zum BIP angegeben) von etwa 78% auf heute 33% durch eine starke Zunahme der Auslandsverschuldung des privaten wie auch öffentlichen Sektors von etwa 115 Milliarden $ im Jahre 2002 auf über 400 Milliarden $ Ende 2014, also eine Steigerung von mehr als 300% in 12 Jahren. Daher sollte die Begleichung des IMF-Kredits und die sinkende Staatsschuldenquote mit Vorsicht wahrgenommen werden.

Wachstumsraten in den nächsten Jahren um 3%

Das Wirtschaftswachstum, welches als jährliche Veränderung des Bruttoinlandsproduktes angegeben wird, zeigt seit Antritt der AKP nur positive Veränderungen auf und impliziert damit einen kontinuierlichen Anstieg der Wirtschaftsleistung der Türkei. Im Durchschnitt ist die Wirtschaft um etwa 5% pro Jahr gewachsen im Zeitraum zwischen 2002-2014 und für die nächsten Jahre werden der Türkei Wachstumsraten von 3% zugetraut. Sollten diese Werte nun mit denen der Industrieländer wie Deutschland und Frankreich oder mit den Schwellenländern wie den BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) verglichen werden, denn davon hängt die Bewertung maßgeblich ab: Die Industrieländer weisen meist ein viel niedrigeres Wirtschaftswachstum auf (in der Bandbreite zwischen 0–2 %) und im Vergleich zu diesen steht die Türkei gut da. Anders sieht es im Vergleich zu den BRICS-Staaten aus, welche teilweise Wachstumsraten von 7-8 % aufweisen, wie zum Beispiel China oder Indien. In diesem relativen Vergleich fällt die Türkei weder positiv noch negativ auf.

Der letzte Indikator, der betrachtet werden soll im Folgenden, ist die Inflationsrate, die in der Türkei eine sehr unrühmliche Vergangenheit hat: Seit der Gründung im Jahr 1923 gab es mehrere Phasen mit einer hohen Inflationsrate und zwei Phasen fallen besonders auf, aufgrund eines Peaks (Ausschlag nach oben): 1980, als es den letzten Militärputsch gab, stieg die Inflationsrate auf 120% und zu Beginn der 90er-Jahre nochmal. Die durchschnittliche Inflation in der Zeit zwischen 1971-2003 lag bei über 50%. Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist dies eine Katastrophe, da es Investitionsanreize von Unternehmen und Investoren vernichtet und auch das alltägliche Leben des „Otto-Normalbürgers“ nahezu unmöglich macht, da die Lohnzuwächse diese Inflationsrate nicht annährend egalisieren konnten und die Lebenshaltungskosten stetig gestiegen sind in dieser Phase.

AKP und die Inflationsrate

Unter der AKP-Regierung ist die Inflationsrate auf ein Niveau von 8-9 % stark gesunken , was immer noch im Vergleich zum europäischen Wirtschaftsraum hoch ist, aber als eine große Verbesserung aus historischer Perspektive zu betrachten ist. Dies ist eine wichtige Errungenschaft von der jetzigen Regierung und muss in selber Weise fortgeführt werden, damit sich die türkische Inflationsrate sich der europäischen (2% Inflationsziel ausgegeben von der EZB) nähert. Gerade im Hinblick auf diese Herausforderung ist es kontraproduktiv, dass der jetzige Präsident R. T. Erdogan den Chef der Zentralbank – Erdem Başçı – mit politischen Forderungen unter Druck setzt, da dies ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Zentralbank ist und gerade diese wichtig ist für Reputation und Glaubwürdigkeit jeder Zentralbank.

Letztendlich sollte festgehalten werden, dass die AKP im wirtschaftlichen Bereich wichtige Reformen und Erfolge erzielt hat, insbesondere bei der Bekämpfung der Inflation, wobei es abzuwarten bleibt, ob das wirtschaftliche Wachstum auf ein Niveau von 4% stabilisiert werden kann und die hohe Arbeitslosigkeit von mehr als 10% reduziert werden kann. Ob sich die AKP mit diesen Fragen auseinandersetzen wird, wird sich am 07. Juni bei dem Parlamentswahlen herausstellen.

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About Author

22 Jahre, 6. Semester VWL an der Universität Mannheim, Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung, Sprecher der BDAS-HSG Mannheim und weiteres Engagement im gesellschaftlichen und (hochschul-)politischen Bereich.

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