Würde Andreas Breivik den Koran verteilen? *

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Nicht nur die Norweger, jeder vernünftige Mensch schämt sich für die Tat von Andreas Breivik. Das Schamgefühl einiger Psychologen und Psychiater geht mittlerweile sogar soweit, dass sie vergebens nach einer Erklärung suchen und dabei aus den Augen verlieren, dass jede Erklärung auch eine Form der Rechtfertigung seiner Taten ist. Nur so kann ich es mir erklären, dass sich psychologische Gutachter im Urteil über die geistige Zurechnungsfähigkeit von Breivik noch immer schwer tun. So makaber das auch klingt, diesmal wird niemand das Leitmotiv „schön“ reden können. Breivik bekennt sich schließlich öffentlich dazu, mit Vorsatz gehandelt zu haben. Da in diesem Fall auch die Psychologen Breivik nicht vom Schuldigenstatus herausreden können, wird das norwegische Strafgericht darüber entscheiden, wie es nun mit Breivik weitergehen soll. Das Urteil steht noch aus.

Über das Leitmotiv besteht kein Zweifel: Rassismus nimmt in Form von Selbstgefälligkeit und Egoismus Gestalt in Breivik an. Wenn wir es schaffen, seinen Drang nach Aufmerksamkeit und seine Vorliebe im Mittelpunkt zu stehen als Geisteskrankheit zu verkaufen, dann ist das Urteil über Breivik eindeutig: Ja, dann ist er ein verstörter kranker Mensch! Was aber, wenn wir über ihn urteilen, dass er bei klarem Verstand ist? Die einzige Erklärung, die dann übrig bliebe, ist: Breivik hat ein abgestumpftes Herz. Er hat die Fähigkeit, Leid und Mitleid mit seinem Umfeld zu verspüren, verlernt. Noch einfacher ausgedrückt: Er hat ein verkümmertes Herz! Zugegeben, ich bekenne mich öffentlich dazu, schon bevor die Gerichte über ihn geurteilt haben, ihn zu verurteilen. Eigentlich dürfte das für Jedermann nachvollziehbar sein! Natürlich auch nur ‚EIGENTLICH‘! Wegen ähnlichem Verhalten droht nun einem Jurymitglied der Ausschluss aus dem Verfahren. Schon vor Prozessbeginn habe er sein vorgefasstes Urteil über Breivik bekanntgegeben. Auf Facebook habe er verteidigt, dass im Falle Breiviks die einzige gerechte Strafe, die Todesstrafe sei. Nun droht ihm die Ausscheidung aus der Jury.

Tja, aber warum erlaube ich mir dann ein vorgefasstes Urteil? Zum einem bin ich kein Mitglied der Jury und zum Anderen, denke ich, dass ich ein Anrecht darauf habe! Wenn man denn doch meinte, dass ein verkümmertes Herz nicht zugleich zum Verlust des rational nachvollziehbaren Verhaltens führt, wie genau will man dann über Hitler, Mussolini, dem Pharao, Hammann, Saddam und Gaddafi urteilen? Nach diesem Prinzip bräuchten wir im Grunde nur ein psychologisches Gutachten und die Einweisung in die Psychiatrie. So sehr man auch bemüht ist, Breivik eine Geisteskrankheit zu attestieren, er selbst betont, mit klarem Verstand gehandelt zu haben. In diesem Fall haben wir es mit einem monströsen Terroristen zu tun der paranoid wie er ist, zugibt, das Ziel zu verfolgen, sein Land vor einer möglichen Islamisierung zu beschützen. „Homo homini lupus“ – „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen ist ein Spruch, der nicht von meinen Vorfahren verfasst wurde. Der Mann mordet seine eigenen Landsleute und begründet seine Tat damit, Norwegens Islamisierung vorzubeugen. Dabei hat er nicht einmal einen einzigen Muslim ermordet und meint, er habe den Muslimen Schaden zugefügt. Stellt sich bloß noch die Frage, ob er von alleine auf diese verstörte Idee kam oder ob er von verdeckten Hintermännern angestiftet wurde? Wir wissen es (noch) nicht!

Ein anderes, zwar weniger monströses, aber fast genauso suspekt und bühnenreifes Ereignis entwickelt sich zeitgleich auch in Deutschland: Eine demonstrativ angelegte kostenlose Verteilung des Korans, geplant und durchgeführt von Aktivisten einer bestimmten Denkschule. Welche Absicht steckt hinter dieser Aktion? Schließlich ist das Verschenken des Korans keine Straftat und steht auch nicht im Widerspruch zur Demokratie!  Aber vielleicht ist es ein belohnungswerter Verdienst vor Gott? Ob dem so ist, leitet sich wiederum aus der Absicht der Handlung ab. Folglich kommt es darauf an, an wem in welcher Art und Weise man den Koran verteilt!   

Ein Exkurs von:

Innerhalb der muslimischen Community ist die Bezeichnung „Wahhabitische“ Denkschule für die benannte Gruppierung geläufiger, als der Name, den die Aktivisten sich selbst geben, nämlich „Salafite“.    Abgeleitet wird das Wort aus dem Wortstamm ‚Selef‘ und bedeutet so viel wie ‚die Vorgänger‘. In der islamischen Terminologie werden die ersten drei Generationen  nach den Weggefährten des Propheten Muhammad (Frieden und Segen auf ihm) ‚Selef-i-Salihin‘ bezeichnet. Sinngemäß übersetzt, ‚die rechtschaffenen ersten Generationen‘. In der Bukhari Hadithüberlieferung heißt es:

(Sinngemäß) „Die besten unter euch sind diejenigen, die zu meiner Generation gehören, dann diejenigen, die darauf folgen, dann diejenigen, die darauf folgen.“  

Paradox ist, dass die Urväter der heutigen Selefitisch-wahhabitischen Denkschule im Zeitalter der „Selefi Salihin“ sich von ihnen abgewendet haben. Verwurzelt ist diese Denkrichtung im historischen Kontext mit den Charidschiten. Deshalb ist es wichtig, die Denkweise der heutigen Salafiten exemplarisch im historischen Kontext zu erörtern.

Wir schreiben das Jahr 657 n.Chr. Folgendes Ereignis spitzt sich zur Schlacht von Siffin zu: Ali Ibn Abu Talib wird von den Weggefährten des Propheten Muhammand (Sahaba) als Nachfolger für den dritten Khalif Osman eingesetzt. Dieser wurde während seiner Amtszeit von einer aufständischen Gruppierung aus dem Hinterhalt ermordet. Eine andere Gruppierung, auch Weggefährten des Propheten, unter ihnen der Stadthalter von Syrien, Muawiya Ibn Sufjan, ein Verwandter Osmans, fordert die Verurteilung der Mörder des dritten Khalifen. Der Khalif Ali zögert in Anbetracht der unruhigen Lage vor einem weiteren Vorgehen gegen die Aufständischen. Da beide Seiten, sowohl der Khalif Ali wie auch der Stadthalter von Syrien, also Muawiya, gegeneinander angestachelt werden, führt die bürgerkriegsähnliche Situation zunächst zur Konfrontation, dann auch zur Schlacht von Siffin in der Nähe des Euphrats.

Die Charidschiten, – das sind die Vorfahren der heutigen Wahhabitischen Denkschule – unterstützten tatkräftig den Khalifen Ali. Als der Sieg Alis nahe rückt, stoppen die syrischen Kämpfer auf der Seite von Muawija mit einer ähnlichen Koranaktion die Schlacht. Die syrischen Kämpfer bringen Seiten aus dem Koran an ihren Lanzen an und fordern, dass das Buch Allahs zwischen ihnen entscheide. Daraufhin weigern sich die Charidschiten weiter zu kämpfen und begründen ihren Rückzug damit, dass sie nicht gewillt sind, einen Kampf gegen den Koran zu führen. Bis hierhin ist an der Entscheidung der Charidschiten, die Schlacht frühzeitig zu beenden, nichts unverständliches zu erkennen. Noch nicht!

Ali und Muawija ziehen beide die Truppen zurück und beide Seiten lassen sich auf den Vorschlag von Muawija ein. Nun soll ein Schiedsgericht eine Entscheidung fällen, womit sich alle beteiligten Seiten zufrieden geben werden. Als Ali diese Entscheidung verkündet, spaltet sich die Gemeinschaft unter Ali in zwei Gruppen auf. Die einen akzeptieren die Entscheidung, die anderen wehren sich vehement dagegen, ein solches Urteil anzuerkennen, mit der Begründung, Ali habe gegen den Geist des Islams einem Abkommen zugestimmt und sei vom rechten gradlinigen Weg des Propheten Muhammad abgekommen. Die zuletzt genannte Gruppe, somit die Gegner des Abkommens, sind die Charidschiten gewesen. Sie distanzierten sich von der gesamten islamischen Gemeinschaft auf beiden Seiten und bezeichneten fortan beide Seiten als die vom Weg abgekommenen und dem Irrglauben verfallenen. Auch hier muss man sich fragen, ob die Charidschiten alle gemeinsam unter sich zu diesem Urteil gekommen sind, oder ob nicht organisierte Hintermänner bewusst die Gemeinschaft Alis gegeneinander angestachelt hat, um zu verhindern, dass die muslimische Gemeinschaft wiedervereint frieden schließt.1

Nach diesem kleinen Exkurs von Saara Welt, fragt sich jetzt, ob die Salafiten es schon bemerkt haben, dass sie mit ihrer Haltung die „schizophren-paranoide Traumwelt“ des Andreas Breivik bedienen. Zum einen können Sympatisanten von Andreas Breivik diese Aktion der Wahhabitisch-Salafitischen Denkschule als Islamisierung Europas deuten, dies propagandistisch zur Rechtfertigungsgrundlage verwenden, um ihres gleichen zu ähnlichen Aktionen anzustiften. Zum anderen werden die Wahabitischen-Salafiten schon wieder instrumentalisiert, um die muslimische Gemeinschaft mit einer weiteren Koranaktion gegeneinander auszuspielen. Wie kommt es, dass die Wahhabitisch-Salafitische Bewegung seit 13 Jahrhunderten noch immer nicht bemerkt hat, dass die Seiten aus dem Koran immer nur ein Teil des großen Spiels gewesen sind?

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1. At-Taberi und Al-Kamil

* Dieser Artkel wurde lektoriert von Saara Welt

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1 Kommentar

  1. Saliha Balkan on

    zunächst vielen Dank für diesen spannenden Artikel.

    Die Erklärung des Zusammenhangs zwischen der Koranverteilung und Breivik hat was für sich. Sie ist sogar ein Totschlagargument. Schade nur, dass das gleiche nicht für die Verteilung von Bibelschriften, z.B. von Zeugen Jehovas gilt und dort, zumindest nicht in dem Umfang, eine Unterwanderung vermutet wird. Der geschichtliche Kontext mit den Charidschiten zu den heutigen sogenannten „Salafisten“ war für mich ebenso interessant. „Blätter aus dem Koran, ein Teil des Spiels“ <---auch das macht nachdenklich. Ich glaube mich zu erinnern, dass es sogar in einer Simpson-Folge thematisiert wurde.

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